„Die Geister, die wir riefen und wie wir sie wieder los wurden“
Wir sind vorher noch nie wirklich bestohlen worden und kannten nur die Geschichten von anderen Beklauten. Und wie formulierte es ein Freund: geklaute Sachen sind ja nicht weg, sondern nur woanders. Das half uns bei der täglichen Auswahl unserer Unterwäsche aber auch nicht. Denn die war definitiv woanders. Also begann der erste Tag nach dem Raub mit dem Einkauf von Unterwäsche, T-Shirts, Nagelpfeile, Haarbürste und anderen Banalitäten. Plötzlich wurde einem bewusst, dass es nicht die großen Dinge sind, die einen durch den Alltag bringen. Und wie froh besonders eine Frau sein kann, wenn sie die passende Unterwäsche trägt, die nicht zwickt und kneift. In der Kleinstadt, in der wir einkaufen gehen mussten, fingen die Konfektionsgrößen bei Männern ab L an und schraubten sich dann in Schwindel erregende Größen, wo wir die X vor dem L gar nicht mehr zählen konnten. Natürlich nur mit dem zugigen Seiteneingriff. Die Frauenunterwäsche war nicht wesentlich kleiner und hatte ein Sortiment an allen erdenklichen Spitzen, Rüschen und Nähten aus Polyacryl in nicht zu definierenden Farben. Letztendlich wurden die guten weißen Baumwollschlüpfer gekauft und wir waren erleichtert.
Könnt ihr euch noch in einem der ersten Texte in Banff erinnern? Da haben wir uns über die vielen Dinge beschwert, die wir unglücklicherweise mitgeschleppt hatten. Haben wir die Geister und damit die bösen Räuber letztlich doch selbst gerufen und herbei geschworen? Na ja, los werden wollten wir sie auf jeden Fall wieder und das geht bekanntlich am Besten mit blindem Aktionismus. Und so wurde erst einmal der große Scherbenhaufen im Camper und im Wagen beseitigt. Die verbliebenen Klamotten und die neu erworbenen wurden in einer riesigen Waschaktion von den Spuren fremder Hände beseitigt. Die lange Liste der geklauten Sachen mussten für die Polizei zusammen geschrieben werden. Natürlich mit dem Glauben und der Motivation, dass dies nur irgendwelche Aktenhaufen vergrößern würde. Der Frust war groß und jede Stunde fielen uns wieder neue Dinge ein, die uns fehlten. Wir hatten natürlich auch Lieblingssachen für unsere Reise eingepackt, die wir nun schmerzlich vermissten: die Wollmützen, die wir in Norwegen für unsere Walfahrten gekauft hatten. Die bunte Muschelkette, die aus Kapstadt kam. Meinen blauen Rock, in den ich mich in Australien verliebt hatte. Ingos neues Hemd aus Kuba, mit dem besonderen Stickereien aus Trinidad. Und dann fehlten plötzlich auch noch alle (!) Überspiel-, Lade-, Speicherkabel, USB-Sticks usw. In einer Großstadt wie Vancouver oder Calgary ist das kein Problem, aber am Arsch der Rocky Mountains waren wir wirklich in den Po gekniffen.
noch mehr >