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"Ob rot, ob braun- Chile liebt alle seine Deutschen"

Auf der Straße hupen uns chilenische Autofahrer an, winken und gestikulieren so überschwänglich, als hätten wir gerade die DDR-Mauer eingerissen, würden mit einem Trappi einreisen und 100 D-Mark Begrüßungsgeld verteilen. Die deutschen Wurzeln in Chile sind alt und sie besitzen alle denkbaren politischen Farben. Kommt daher die Aufforderung im Reiseführer, ja nicht über Sex oder Politik in Chile mit Fremden sprechen zu wollen? Die große Auswanderungswelle vor dem ersten und zweiten Weltkrieg, während und nach der Nazizeit, aber auch nach dem Fall des DDR-Regims haben Deutsche hierher getrieben. Wie in allen Ländern werden jedoch auch "Immigrationstugenden" konserviert, in sich im Mutter-Vaterland in ganz andere Richtungen weiter entwickelt haben. Auf die offene Frage an Chilenen, ob sie generell die vielen Deutschen (größte Immigrationsnation) in ihrem Land schätzen, bekommen wir die Antwort, dass sie mehr Probleme mit ihren Ureinwohnern den Mapuche hätten, als mit den Ausländern. Die europäischen Einflüsse sind überall spürbar, obwohl der zarte Hauch der lateinamerikanischen Lebensart weiterhin und zum Glück ab und zu durchschlägt. Und warum es die vielen Auswanderer gerade nach Chile verschlagen hat, ist schnell offensichtlich. Das Klima ist perfekt, die Landschaft erinnert in großen Teilen an das Alpenvorland mit saftig grünen Wiesen und sie waren und sind als Menschen hier einfach willkommen. Aufbau und Entwicklung "Made in Germany oder Italy, France...".
Nach der langen Zeit in den nördlichen Ländern Südamerikas ohne massive Werbung an den Straßen, springen uns nun Großformate mit den Worten "Mercedes Kaufmann"," Autobahn", "Deutsches Essen" und "Kuchen" an. Jungfräulich lesen und saugen wir jede Werbebotschaft von "Bayer" oder "Stihl" auf, obwohl wir diese Sinnesverschmutzung überhaupt nicht vermisst haben. Der Werbedruck wirkt, auch bei uns. Jeder Gedanke wird durch eine neue, bunte Werbung im Keim erstickt, abgelenkt und im sprudelnden Becken des Kommerzes ertränkt.
Die konservative, sparsame und disziplinierte Nation Chile kann jedem Skeptiker und Kritiker laut ins Gesicht lachen. Ihr Land boomt und von wirtschaftlicher Frustration, Krise oder Rezession ist keine Spur. "Wir sollen hier bleiben, Land kaufen, unsere Arbeitskraft zur Verfügung stellen. In Deutschland ist nichts mehr zu bewegen und hier geht es steil nach oben". Auch wenn wir keine Auswanderungsabsichten hegen, beflügelt uns die positive Stimmung und macht einfach Spaß. Nur die ständig jodelnde Alpenmusik und das Reduzieren des "Deutschtums" auf "Reinheit, Trachten, Fachwerkhäuser, Fleiß" hinterlassen einen bitteren Beigeschmack. Wir würden gern die Gesichter der vielen Ausländer bei ihrer touristischen Deutschlandrundreise sehen, wenn sie vor der modernen Hamburger Kunsthalle, dem Berliner Bahnhof oder Kanzleramt stehen. Keiner muss mehr auf ein Plumpsklo mit Herzfenster gehen und kein Mädchen im knappen Schwarzwalddirndl tanzt an ihnen vorbei. Deutschland und die Deutschen haben doch so viel mehr zu bieten. "Wer sich immer nur umschaut, um in die Vergangenheit zu blicken, der gerät zwangsweise ins stolpern", so formulierte es jemand treffend. Ach ja, und ins stolpern geraten auch zunehmend die aufsteigenden, "jung/ dynamischen", chilenischen Familien. Indem sie den amerikanischen Lebensstil voll ausleben, nehmen die Burger, Pizza, Pommes-verfetteten Familien den Verlust des Rückwärtsgehens ihrer Kinder sorglos in Kauf. Die Abbilder ihrer Eltern sehen identisch aus: den Bauch nach vorn gewölbt, das Gesicht verquollen, die Hände über die Plauze verschränkt und voll mit Körperkomplexen beladen, die ein Schwimmen im Badeanzug ohne T-Shirt oder Trainingshose unmöglich machen. Der oft gehänselte "Quotendicke" wie es ihn bei uns in der Schulzeit gab ist mittlerweile salonfähig geworden und die "dünne Bohne" in die Minderheit verschoben. Der hohe Preis des Wohlstands, auch in Chile!

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