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„Zwei Deutsche unterwegs im Winter auf dem Trans-Canada Highway.“
Abenteuerlust trifft Naivität.

Während der Planung in Deutschland hatten wir viel über den Winter in Kanada gelesen und noch mehr gehört. Natürlich immer nur über Dritte, denn wer fährt schon im Winter von der Ostküste (Halifax) über Quebec, Ottawa, Winnipeg, Calgary in Richtung Westküste in die Rocky Mountains? Aus der Ferne schien der Winter in Kanada ja so romantisch. Endlich mal wieder Schnee sehen und erleben, richtige Kälte spüren und in die Wildnis eintauchen. Mit der richtigen Ausrüstung kein Problem und die hatten wir doch, oder? Na ja, die Reise fing auf Kuba bei 30 Grad und Sonnenschein an. Wir hatten vorsorglich ein dickes Fleece, Windjacke, dicke Lederstiefel und Handschuhe mit nach Kuba geschleppt. Wir hatten ja schließlich 2 Tage in Halifax ohne den Wagen und die richtige Winterkleidung zu überbrücken. Denkste Zuckerpuppe! Denn da hatten wir nicht mit dem Sturm und der Verspätung des Containerschiffs gerechnet. War auch nicht so schlimm, denn in Halifax waren es nur minus 5 Grad. Als der Wagen dann endlich da war, war alles eingefroren, einschließlich des Schlosses an der großen Kiste mit den Skiklamotten und des Kinderscheibenwischers aus Deutschland. Als erstes also in ein Fachgeschäft und richtige Truckscheibenwischer kaufen, die nicht erfrieren und funktionieren!  Unsere ungeduldige Entscheidung war schnell getroffen, wir fahren erst einmal los. So kalt ist es ja nicht…Doch der Winter in Kanada kennt keine Gnade und ist unberechenbar. Kein Wunder, dass alle Kanadier jeden Tag den Wetter-TV-Sender sehen und sich informieren. Nicht so wie wir, denn wir waren motiviert, diesen Kontinent entspannt zu durchqueren und hatten ja genügend Zeit. Die Entspanntheit verflog schlagartig am zweiten Tag. Schneefall bei minus 15 Grad, Sicht gleich null und nur eine freie Spur auf dem zweispurigen Trans Canada Highway. Von hinten rasten die riesigen Trucks heran, kannten nur ihren Zeitplan und bestimmt nicht das völlig verdreckte deutsche Nummernschild. Standstreifen gab es nicht, dann dort lagen meterhohe Schneeberge, die völlig vereist waren. Tankstellen bzw. Menschen tauchten alle 200 Kilometer mal auf und uns rutschte das- zum Glück naive- Herz fast in die Hose. Bloß keine Gedanken über Autopannen machen. Unser Werkzeug war noch in der Holzkiste und die dicken Klamotten natürlich auch. Wir erreichten ohne Panne unsere Unterkunft und holten erst einmal überlebenswichtige Dinge, wie Scheinwerfer (Danke Thomas), Warnwesten, Handschuhe, Kerzen usw. in unsere Fahrerkabine. Die Tankpausen bei minus 37 Grad sind nur mit viel Überwindung und Teamgeist zu schaffen, denn tanken reicht hier leider nicht: alle Scheiben, Scheinwerfen, Lampen frei waschen, Öl kontrollieren, tanken, Luftdruck prüfen, Wischwasser auffüllen usw. Die Luft war so kalt, dass die Popel in der Nase frieren, die Wimpern froren zusammen und alle nicht geschützten Körperteile wie Gesicht glühten vor Kälte. Wir hatten übrigens irgendwann die dicken Jacken und Mützen aus unserer Holzkiste heraus gekramt (die Skihosen waren irgendwie ganz weit nach hinter gerutscht und nicht zu finden). Aber wir hatten wie immer Glück im Unglück, denn wenn Engel reisen scheint die Sonne. Und das tat sie an fast allen Tagen. Wir fuhren also mit unserem Truck an 3m hohen Schneewällen in Quebek vorbei. An dem größten Binnensee der Welt, Oberer See, konnten wir uns 2 Tage gar nicht an der Schönheit der Landschaft satt sehen. Die Seen waren zugefroren und ganz harte Kerle (so schien es) saßen in ihren Eishütten beim Eisangeln. Die Kerle sind zum Teil aber gar nicht so hart, denn einige erwärmen sich an warmen Öfen, vertreiben sich die Zeit mit Fernsehen und haben ganz bequem das Angelloch in der Hütte. Nach den großen Seen kam Niemandsland. Keine Menschenseele soweit das Auge reichte. Und mit den fehlenden Menschen natürlich auch kein Handyempfang (für wen auch), keine Tankstelle, aber dafür ganz viel Natur und Weite. Nichts was die Gedanken oder das Auge ablenkte. Irgendwann kam nach dem nichts wieder nichts. Aber das nur im Winter, denn im Sommer stehen hier riesige Getreidefelder. Und die Dimensionen ließen sich selbst im Winter erahnen. Hier glänzten die riesigen, silbernen Getreidesilos in der Sonne und große landwirtschaftliche Geräte warteten auf den Frühling. Obwohl ein Kanadier zu uns sagte, dass Kanada keinen Frühling und keinen Herbst kennt. Es gibt nur den Sommer und den Winter und das von einem Tag auf den anderen. Übrigens hatten wir uns den heftigsten Winter seit 1970 für unsere Reise ausgesucht.
Irgendwann fuhren wir auch durch die goldfarbene Prärie und die Fantasie drehte einen eigenen Film. Wir sahen in Truck-Stops alte schwarz-weiß Fotos vom Bau der Eisenbahn und des Tans Canada Highways und konnten die harte Arbeit, die extremen Bedingungen und das Heimweh nachempfinden. Auch klangen die Namen der Flüsse und die Orte indianisch und wir sahen „Sitting Bull“ bereits neben uns her reiten. Unsere Pausen während der Reise machten wir fast immer an Truck-Stops (z.B. Husky). Hier saßen die Trucker nach ihrer 12-Stundenschicht und verschlangen Burger oder ihre Suppen, die immer hausgemacht und fantastisch schmeckten. Außerdem hing an fast jedem Tisch ein Telefon, so dass wir im Warmen, bei einer Suppe nach Hause telefonieren konnten. Das ist doch wahrer Luxus.
Bei klarer Luft, minus 5 Grad und strahlendem Sonnenschein erschienen dann nach 10 Tagen Fahrt am Horizont die Berge. Die Rocky Mountains. Die 5500 Kilometer durch den Kontinent haben uns beeindruckt, manchmal geängstigt, aber immer glücklich und auch ein bisschen stolz gemacht. Wir machen diese Reise. Für uns immer noch unglaublich!

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