„Die Nationalparks- das perfekte Bild von Kanada“
Die Frage, wie sich der Durchschnittsdeutsche Kanada vorstellt, wird schnell, mit der weiten unberührten Landschaft vor Augen, beantwortet: ein See, ein Fluss, ein Berg, ein Bär und das alles mit ganz viel Weite. Und fragt man dann noch nach den deutschen Lieblingszielorten in Kanada, dann ist der Icefield Parkway (Gletscherstraße) im Jasper- und Banff Nationalpark ein absolutes Muss. Wenn also alle Urlauber das gut finden, warum sollten wird dann eine Ausnahme bilden? Den Massengeschmack treffen wir zwar selten mit unserer Art zu reisen und mit den ausgewählten Orten, aber ein Versuch ist es doch wert. Wir reihen uns also auf dem Highway in die Perlenkette der bunt beklebten Mietwohnwagen in Richtung Nationalparks ein. Obwohl wir wissen, dass alle Urlauber das machen, sind wir von der Anzahl in dieser noch kalten Jahreszeit erschreckt. Der Schnäppchenpreis für das Wohnmobil lässt bei den meisten Urlaubern die Enttäuschung nicht allzu groß werden, weil viele Wege immer noch von Schnee bedeckt und deshalb gesperrt sind. Das erste Ziel aus Richtung Vancouver kommend heißt Lake Louise. Kein gewachsener Ort mit einer funktionierenden Infrastruktur, sondern eine Ansammlung von Hotels, Souvenirshops und gähnender Langeweile. Aber die Ruhe wollen ja alle haben und deshalb trinkt jeder sein Bier im gut beheizten Wohnmobil für sich allein. Schließlich haben alle ein strammes Programm vor sich und der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm. Kilometer abreißen heißt das Urlaubsmotto. Wenn man schon nicht gebräunt aus seinem Urlaub an den heimischen Arbeitsplatz zurückkehrt, dann doch mit einer unüberschaubaren Anzahl an besuchten Orten auf der kanadischen Landkarte. Auf den Durchfahrtscampingplätzen herrscht also stille Anonymität. Die Camper, die als letztes ankommen, sind meistens morgens vor unserem Frühstück schon wieder auf Achse.
Wir gehen statt der normalen Hetze wandern, genießen den Sonnenschein und das lustige Touristentreiben. In Lake Louise hat es so etwas von einem Almauftrieb. Die Karawane inklusive der vielen Reisebusse fahren an „einen der schönsten Seen“ der Rocky Mountains, dem Lake Louise (glatt gelogen, aber gutes Marketing). An der Promenade wird das obligatorische Beweisfoto geschossen und schnell noch die teuer bezahlten „Meyers Weltreisen-Doggibags“, gefüllt mit kulinarischen Köstlichkeiten, verspeist. Macht man nach so einem Zwischenstopp die bärensicheren Mülltonnen auf, dann quillt einem der Berg an Styroporverpackungen entgegen. Das Picknick- und Campergefühl darf bei solch einer Reise in der wilden Natur doch nicht zu kurz kommen.
Beim Befahren des Icefield Highways zwischen Lake Louise und Jasper erfasst uns plötzlich ein wohliges Gefühl. Zuerst können wir gar nicht beschreiben, warum wir solch eine beruhigende Stimmung verspüren. Doch dann fällt es wie Schuppen aus den Haaren. Wir sind in dem Kanada gelandet, welches wir schon als Kinder vor Augen hatten. Und nichts trübt diese heile Welt. LKWs haben keine Durchfahrtserlaubnis, die Straßenränder sind sauber aufgeräumt und geharkt. Keine Überlandstromkabel, keine hässlichen Bausünden, keine Rauch ausstoßende Industrie, keine zerstörerische Forstwirtschaft trübt das Bild von unserem Kanada Wir fahren bei strahlendem Sonnenschein früh morgens durch diese Gletscherlandschaft und sind von der Schönheit fasziniert. Die Berge stehen Spalier und wir fahren mitten durch. Die Aussicht nach vorne durch die Windschutzscheibe muss um die Sicht in den Rückspiegel erweitert werden. 360 Grad Panorama. Dieser Weg gehört nicht umsonst zu den 10 schönsten Straßen der Welt. Welche Bewertungsparameter dafür wohl herhalten mussten? Schade, dass er den meisten Touristen trotzdem verborgen bleibt, denn bei schlechter Sicht (und das ist oft) gleicht dieser Highway einer stinknormalen Straße im Schwarzwald. Und warten auf gutes Wetter kann keiner. Denn im Anschluss and dieses Naturereignis fahren die meisten weiter nach Edmonton. Eine hässliche und unattraktive Stadt, aber mit der größten Einkaufs- und Unterhaltungsmall der Welt. Und davon haben wir Deutschen doch einfach zu wenig, oder?
Ach ja, einen großen Wehrmutstropfen gab es dann doch in diesem perfekten Nationalpark. Großtiere haben sich uns auf dieser Strecke nicht gezeigt. Waren wohl doch zu viele Touristen unterwegs oder waren die Zäune daran schuld, die wir bei unseren Wanderungen entlang der Straße im Unterholz entdeckten? Ein Schwarzbär macht sich zwar gut auf dem Familienfoto, aber dann doch nicht als Trophäe auf dem Kühler eines Touristen. Auch egal, denn überall gab es Hinweisschilder mit abgebildeten Bären. Die kann man zur Not auch fotografieren!