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"Mit den nassen Küssen verschwindet einwenig die Leichtigkeit der Latinos"

Unser meist gehasstes Wort auf den letzten 200 Kilometern in Bolivien heißt "Desvío". Baustellen mit ihren Umleitungen sind wohl ein notwendiges Übel und in der krisengeschüttelten Weltwirtschaft ein Lichtblick, wenn nicht der tonnenweise Mikrostaub, die tiefen Flussdurchfahrten und die Schlangenlinienfahrten um die gigantischen Abwässerkanäle wären. Wie ein Kind, dem man Minutenlang einen leckeren Lutscher vor den Mund hält, um ihn den blitzschnell wieder wegzuziehen, erlauben uns die Umleitungsschilder eine Minuten andauernde Fahrt auf dem neuen Asphalt, um uns dann wieder in die staubige Botanik abdriften zu lassen. Stundenlang, Kilometer um Kilometer. Und dann empfängt uns der Norden Argentiniens beim Grenzübergang "La Quiaca" mit einer glatten Teerstraße, einer Flut von Verkehrsschildern, Mittelstreifen und- man fasst es kaum- auch noch Randstreifen. Die seit Monaten nicht mehr bzw. kaum existenten Schilder, wie Überholverbot, Geschwindigkeiten, Ortschilder und Werbeplakate. Der erste Willkommensgruß, der international immer und überall die gleiche Höflichkeit ausdrückt, wird uns von einem überholenden Pickup-Truck entgegen gestreckt: der mittlere Stinkefinger. "Bienvenido, Willkommen". Wir haben zwar keinen Hut auf der Ablage liegen und der Wackeldackel fehlt auch, aber wir genießen die wunderschöne Landschaft und dementsprechend ist wohl auch unser Reisetempo. Wer jung, dynamisch und erfolgreich ist, der symbolisiert dies auch in seinem gesamten Habitus. Bleifuß! Es tummeln sich plötzlich wieder mehr Autos auf Argentiniens Straßen in den Ballungsgebieten und unser Ford trifft im Minutentakt seine amerikanischen Landsleute. Große Pickups, die als Minenfahrzeuge genutzt werden oder einfach nur gut für das männliche Ego sind.
Argentinien wird von vielen als "europäisch" beschrieben; wir empfinden es in den ersten Tagen als sehr amerikanisch. Das Marketing ist gigantisch für Landschaften, durch die wir schon wochenlang jenseits der argentinischen Grenzen fahren. Die Autos werden größer, unsinnige Straßenlaternenboulevards länger und die Menschen nach amerikanischem Verfettungsmuster dick. "The american way of life" wird voll ausgelebt und mit ihm die fatale Konsequenz: die Schere zwischen Arm und Reich ist auffallend groß und wir können die Art und die Anzahl der ärmlichen Baracken und Lebensumstände kaum fassen. Argentinien prasst wie die USA, als würde es kein morgen geben (in Buenos Aires gibt es das einzige Museum der Staatsverschuldung). Großmut kommt vor dem Fall. Und die dicke Kröte, die sie im Jahr 2001 schlucken mussten ist noch nicht ganz verdaut und bekommt nun durch die inkompetente Argentinische Präsidentin neue Kröten zu schlucken. Aber wir wissen ja, jedes Volk bekommt den Präsidenten, den es verdient hat. Die Leichtigkeit des Latinolebens bekommt wir bei uns Zuhause mit dem zunehmenden Gewicht der Schulden tonnenschwere Bleifüße. Die Leichtfüßigkeit wird immer schwerfälliger und die Perspektive fürs eigene Lebens beschränkter.

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