"Das lachende und das weinende Auge Mexikos"
Wir waren mit neutralen Gefühlen nach Mexiko eingereist, hatten uns die Vorfreude durch die Angstmacherei der Amerikaner nicht nehmen lassen und konnten in 5 Monaten und 10.000 Kilometern das Land ein Stück weit entdecken. "Das Mexiko" gibt es nicht, wie es auch nicht "das Europa" gibt. Dafür ist das Land zu vielfältig in der Geographie, der Kultur, des Klimas, der Politik und der Historie. Aber eines haben alle Gebiete gemeinsam: sie haben uns tief beeindruckt, manchmal regelrecht emotional geschüttelt und sich tief in unsere Erinnerungen gebrannt. Nicht der faule, schlafende Mexikaner mit Sombrero unter dem Kaktus, sondern die offene Herzlichkeit, die hilfsbereite Freundlichkeit, die krassen Unterschiede im Wohlstand (überheblich zivilisatorisch bemessen), die vielen hart arbeitenden Menschen, die scheinbare Leichtigkeit des Lebens, die wunderbare mexikanische Küche und die unfassbaren Kulturschätze. Das unbekümmerte Wort für "morgen" (manana) ist den Mexikanern scheinbar mit der Muttermilch eingeflöst worden. Wir hatten zum Glück immer genügend Zeit und Geduld, um bei "manana" keine grauen Haare zu kommen. Sondern es als kleine Herausforderung zu sehen, um die viel zu deutsche Gründlichkeit und Pünklichkeit ein wenig abzulegen.
Uns werden die Bilder von vielen winkenden und zulächelnden Familien und Kindern am Straßenrand auf unserer weiteren Reise begleiten. Und die Frage stellt sich uns nicht mehr, ob die Mexikaner von uns lernen können, sondern ob wir Deutschen im sozialen Verhalten miteinander von den Mexikanern lernen können. Uns fällt hier schmerzlich auf, wie unser teilweise isoliertes Leben im deutschen Alltag durch die immer wachsende Schnelligkeit und Anonymität verkommt. Die kleinen Geschäfte, der alltägliche Plausch auf der Straße, beim Bäcker und beim Schlachter ums Eck verschwinden. Hier begegnen sich die Menschen und bestreiten gemeinsam ihr Leben. Nicht heimlich und isoliert zu Hause, sondern auf der Straße, auf dem Markplatz oder in der Nachbarschaft. Das was bei uns zu Hause zu leise ist, überschlägt sich in Mexiko in Quirrlichkeit und im Geräuschpegel. Und die ewige detusche Ausrede, dass bei unserem schlechten Wetter kein Hund vor die Tür geschickt wird, hinkt beim Vergleich des schmuddeligen Mexikowetters in den Bergen auch.
Mexiko könnte alles haben, hat ein Riesenpotenzial und hat doch in so vielen Bereichen so wenig bis nichts. Müll hat es zum Beispiel reichlich. Wie sollte es auch anders sein, wenn die meisten Menschen nicht den Luxus einer Müllabfuhr genießen, und sich selbst um die Verbrennung kümmern müssen oder leider auch nicht. Die natürlich verrotteten Rohstoffe verschwinden immer mehr aus dem normalen Alltag und der tägliche Luxusgigant wie zum Beispiel Coca Cola scherrt sich einen Scheißdreck über die Berge von Plastikmüll. Die wenigen wiederverwendeten Glasflaschen sind wohl eher als übriggebliebene Nostalgie zu verstehen. Dafür bestechen die einfachen Märkte in den Orten durch ihren Purismus. Das frische Obst und Gemüse liegt perfekt aufgereiht, auf Bananenblätter gelegt, gesäubert und mit Gras zusammen gebunden zum Verkauf. In Deutschland würde jeder Delikatessenhändler vor Neid erblassen. Einfache Schalen ersetzen die nicht vorhandene Waage oder die fehlende Schulbildung. Hühner werden wie Handtaschen lebend über den Arm gehängt. Wenn der Hahn am Ende des Markttages nicht verkauft wird, dann darf er weiter bis zum nächsten Markt mit seinen Hühnern lebend im Freien picken, ohne dass das Frischedatum verfällt. Und gepickt, gescharrt, gegrast wird überall am Straßenrand. Für uns regelbewußten Deutschen eine undenkbare Situation, wenn die Sau oder Kuh gemütlich auf der Suche nach frischem Gras über die Schnellstraße schlendert. Bei uns würde die Schnellstraße auch als Autobahn bezeichnet werden und im Verkehrsfunk im Radio größte Panik ausbrechen. Auch der obligatorische Fahrradfahrer benutzt wie selbstverständlich alle Straßen, die auch Autos und Lkws benutzen. Warum auch nicht, denn Fahrradwege und andere kleinere Ausweichstraßen fehlen. Besonders im Yukatan, aber auch in vielen anderen Orten lieben die Mexikaner ihr "Mercurio". Das orange Fahrrad ist wie eine Rikscha gebaut, kann tagsüber auf drei Rädern Feuerholz und alles andere transportieren. Abends wird das Sitzbrett ausgelegt, und das Oberhaupt der Familie fährt stolz seine Frau, die Kinder oder die alte Oma durch den Ort. Ansonsten werden die meisten Personen auf der Ladefläche der Pickups transportiert. Und wenn das Motorrad oder das Fahrrad streikt, dann wird auch das noch mit auf die Ladefläche geladen.
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