"Nahrung verdaut und wo gehen die Erlebnisse und Gedanken hin?"
Unsere Reise begann auf Kuba, ging dann weiter von Halifax quer durch den Kontinent bis an die Westküste Kanadas. Mit den ersten Frühlingsblumen in Vancouver zogen wir wie die Zugvögel in den hohen Norden Alaskas. Nicht ganz bis zum Polarmeer, aber so weit in den Norden, dass die Sonne in der Nacht nicht mehr unterging. Nun sind wir nach dem kleinen Abstecher in Alaska wieder in Kanada gelandet, befassen uns mit dem Abschied aus diesem beeindruckenden Land und überlegen nach 7 Monaten Reise wie wir einige Dinge empfinden.
Kurz gesagt: überwältigend. Aber bevor wir mit der Gefühlsduseleien anfangen, beginnen wir mit dem Rationalen.
Unser Aussehen spielt auf unserer Reise eine immer unwichtigere Rolle. Das bedeutet nicht, dass uns die verfilzten Haare bis zum Hintern herunter hängen. Aber wir fühlen uns in unserer Haut wohl und sind häufig tagelang ohne Spiegel unterwegs. Wenn wir dann nach Tagen in der Natur wieder hineinschauen, ist das Haar blonder geworden, die gebräunten Lachfalten noch tiefer und wir sehen so aus, wie wir uns fühlen- nämlich zufrieden und glücklich. Unsere tägliche Garderobe besteht wie selbstverständlich aus den Lieblingsklamotten. Die wenigen, die uns nach dem Raub überhaupt geblieben sind. Und so sehen unsere Fotos über einen Zeitraum von mehreren Monaten aus, als hätten wir sie alle am selben Tag geschossen. Kleine Änderungen ergeben sich nur aufgrund der Jahreszeit und wir kleiden uns nach dem "Zwiebelprinzip". Manchmal ist die gleiche Klamottenschicht einfach mal weiter unten vergraben und bei Sonne eher mal wieder sichtbar.
Unsere Neugier inbezug auf das Weltgeschehen ist wie ein Eis am Stiel in der Sommersonne geschmolzen. Wir ignorieren die Zeitungen und erhaschen lediglich die Schlagzeilen beim Einkauf im Supermarkt an der Kasse. Wenn wir mit der Heimat telefonieren oder skypen und nach Neuigkeiten fragen, dann hören wir häufig: "nichts neues." Aber wir haben so eine Art Fernsehen für uns entdeckt. Wir machen so oft es geht ein gemütliches Lagerfeuer, sitzen schweigend davor und starren in die tanzenden Flammen. Oft ist die Entspannung danach so groß, dass selbst das Lesen schwer fällt und wir lassen uns in den Schlaf lesen. Wieso sollen Erwachsene nicht das Gleiche schön finden wie Kinder, wenn sie abends vor dem Schlafen noch einmal vorlesen bekommen? Wir hören also in der Dunkelheit einer Stimme zu, entwickeln unseren eigenen Spielfilm im Kopf und schlafen in unserem kuscheligen Alkhoven (der kleine Wurmfortsatz über der Fahrerkabine, der klein aussieht, aber riesig viel Platz hat) seelenruhig ein. Sowieso schlafen wir in unserer kleinen Höhle wie die Steine. Einige Bekannte auf unserer Reise bieten uns häufig einen Schlafplatz im "richtigen Bett" an. Wir wollen nicht unhöflich sein, aber in keinem Bett schlafen wir besser als in unserem Camperbett. Wenn es draußen warm ist, öffnen wir alle Fenster und lassen die frische Abendluft hindurch wehen. Regnet es, dann prassenln die Regentropfen leise auf unser Dach und wir schlafen noch schneller ein.
Viele Selbstverständlichkeiten in unserem zivilierten Leben bekommen eine neue Bedeutung, wie zum Beispiel das Trinkwasser. Das einfache Aufdrehen vom Wasserhahn reicht häufig nicht mehr aus, um gesund und ohne Darmverdrehungen durch den Tag zu kommen. Keine großen Gedanken, aber einfach mal wieder andere.
Aprospos Gedanken. Nicht nur wir machen Urlaub, sondern auch unsere Gedanken und Erinnerungen. Der Kopf scheint seine Tätigkeit in der Ruhe erhöht zu haben. Erlebnisse aus unserer Kindheit und Jugend werden aus der Versenkung des Gehirns katapultiert. Wir erinnern uns wieder an alte Geschichten, Gerüche und Situationen, die lange vergessen waren. Essen muss täglich verdaut werden. Aber wie funktioniert das eigentlich in unserem hektischen Alltag mit den Gedanken? Ist das der Grund, warum ältere Menschen, wie beispielsweise unsere Großeltern als wir noch Kinder waren, häufig im Alter traurig wurden, weil sie Dinge erst nach so einer langen Zeit verarbeiten konnten und das Verdrängte an die Oberfläche gespült wurde? Wie ein Korken, der unter großem Druck steht, wird der Bodensatz wie in einer Sektflasche nach oben gedrückt und schäumt über.
Wir entdecken auf unserer Reise was uns gut tut. Das wußten wir vorher zwar in Teilen auch schon, aber haben es stumpf ignoriert. Ruhe und Natur tuen uns gut. Wir meiden die Städte so gut es geht und wenn wir Lärm und Trubel möchten, dann hören wir uns lieber einen lauten Wassrfall, das Meeresrauschen oder das Singen eines durchgeknallten Singvogels an. Wir bremsen unser Leben buchstäblich aus und entschleuigen (was für ein hochtrabenes Wort) es. Es passiert uns, dass wir an einem Tag einen wunderschönen Platz mit unserem Camper verlassen und nach 10 Kilometern Fahrt einen so wunderbaren neuen Platz finden, dass wir uns angrinsen, anhalten und unser neues Lager aufschlagen. Uns drängt keiner und wir uns schon gar nicht. Auch wenn es unglaublich klingt, aber wir genießen fast jeden Tag aufs Neue und sind uns unserem Luxus voll bewußt: wir haben uns, Zeit und sind gesund.