„In Vancouver’s Kirche gehen Flip-Flops und mp3-Player zeitgeistig zum Gottesdienst“
In Deutschland sind wir nach dem ersten Blick auf die Gehaltsabrechnung aus der Kirche ausgetreten. Die Besuche beschränken sich auf Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen und Konfirmationen. Die Atmosphäre ist immer beklemmend, es muss absolut still sein, jeder fühlt sich von jedem beobachtet und nach kurzer Zeit ruckeln alle unbequem auf den Holzbänken herum. Die Lieder sind deprimierend und es sind nur eine Hand voll Leute mit und die auch noch schlecht. Warum sollten wir also in die Kirche gehen, wenn man sich danach nicht besser fühlt oder „etwas zum Nachdenken mitgenommen hat“?
Unsere Oma Ilse fährt also jeden Sonntag um 11.15 Uhr in die Kirche Ontario Ecke 10th Street quer durch halb Vancouver, um bei diesem Gottesdienst dabei zu sein. Und sie ist danach begeistert, motiviert und erzählt von den Gedanken und Geschichten, die der Pastor von sich gegeben hat. Wir sind also neugierig, von den humanen Gottesdienstzeiten begeistert und gehen mit.
Die Kirche sieht wie ein gemütliches Gemeindehaus aus. Überall herrscht quirlige Gelassenheit, aus dem Hauptsaal hören wir schon von Weitem fröhliche Gitarrenmusik mit gutem Chorgesang. Die Besucher sehen nicht verkleidet aus, sondern tragen T-Shirt und Flip-Flops. Der Altersdurchschnitt liegt bei 35 Jahren und wir bemerken erstaunlich viele Kinder. Neben uns sitzt ein junger Mann und trinkt seinen „to-go-Kaffee“ aus der Thermoskanne. Den hätte er zu Hause lassen können, den vor dem Gottesdienst und nachher wird zusammen Kaffee und Tee getrunken, Plätzchen gegessen und gequatscht. Ich muss nicht erzählen, dass die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt ist?
Der Gottesdienst beginnt also mit Musik. Danach kommt ein kurzer Vortrag über eine Hilfsaktion in Kambodscha und dann springt auch schon der junge Pastor mit asiatischem Aussehen nach vorn. Sein heutiges Thema wird über Beamer auf die Großbildleinwand angekündigt, es ist ein Filmausschnitt. Rhetorik und Präsentationstechnik vom Feinsten. Und es ist die Abwechslung, die kein Marketing-/Rhetorikseminar besser vermitteln könnte. Er spricht aus seinem Leben, schlägt die Brücke zu Textpassagen in der Bibel und verdeutlicht alles, in dem er unter seinem Stuhl eine Eisenkette hervor holt. Das Thema ist heute „lege deine eigenen Ketten ab. Du bist für dich verantwortlich.“ Wir schmunzeln in uns hinein, denn wir wissen genau, was er meint.
Zunächst für uns befremdlich strecken einige Besucher die Hände beim Singen und zum Gebet in die Luft oder öffnen ihre Hände „zum Empfangen“. Warum eigentlich nicht? Jeder hat eine andere Art Dinge in sich aufzunehmen, zu meditieren oder zu entspannen. Nach dem Gottesdienst erfahren wir beim Tee und Kuchen im Foyer noch mehr verblüffende Dinge: Kinder dürfen während des Gottesdienstes in den Kindergarten zum Spielen kommen. Die gestressten Eltern können verschnaufen und ihre Kleinen können per Leinwand das Geschehen verfolgen. Es gibt viele „weltliche Aktionen“ wie Vorträge ( z.Bsp. Obdachlose erzählen aus ihrem Alltag), Flohmärkte, Eheberatungen, Sportseminare und Feste. Der Bau der Kirche wurde privat finanziert. Jeder konnte seinen Beitrag leisten und einen Sack Zement, eine Türklinke oder ein Fenster kaufen. Nach dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“. Und wen überrascht es, dass es den Gottesdienst als Podcast und mp3 (www.tenth.ca/resources/audio) oder als DVD für Neulinge kostenlos gibt. Den Weg zum Glauben gibt es hier nicht in fertigen Konservendosen, die immer wieder unverändert serviert werden. Diese Kirche trifft den Zeitgeist, entwickelt sich mit und ist dazu auch noch unterhaltsam. Das ist doch der neue Trend in unserer „viel zu beschäftigten Gesellschaft“: Let me entertain you. Und wenn Robby Williams das singt, dann wird es schon stimmen.