„Der Camper, der schon lange keiner mehr ist und die grenzenlose Freiheit hinterm Fensterglas“
Wir fuhren mit unsrem Truck-Camper im Winter durch Kanada. Bei Wetter, wo man keinen Hund vor die Tür jagt. Der Frühling kommt und mit ihm die Camper, die uns unterwegs auf den breiten Straßen begegnen. Wir hatten das Thema schon mal, dass in Kanada alles ein wenig größer sein muss. So auch die Camper, die in unseren Augen keine mehr sind. Die sogenannten RVs (Recreational Vehicle) erinnern an große Reisebusse. Nur das hier keine 60 Personen bei ihren Pinkelpausen heraus springen, sondern höchstens zwei Rentner und ein Hündchen. Die Inneneinrichtung erinnert an Gelsenkirchener Barock und das Mikrowellengerät, die Spülmaschine und die Klimaanlage gehören zur Standardausstattung. Und für den kurzen Weg in den Ort, denn die meisten Campingplätze liegen romantisch am Wasser, wird der Kleinwagen vom Camper abgekuppelt. Lustig, oder? Der Wagen zieht nicht den Camper, sondern der Camper zieht den Wagen. Verkehrte Welt! Auf jeden Fall lieben die Großcamper ihre Autonomie und die Natur. Der Strom für die Klimaanlage und die Heizung kommt aus der Steckdose. Mutti und Vatti können ihr großes und kleines Geschäft auf der eigenen Toilette verrichten, wo ein riesiges Abwasserrohr in die Kanalisation führt. Morgens in den öffentlichen Duschen herrscht gähnende Leere, denn auch die Morgenwäsche wird diskret in den eigenen vier Wänden erledigt. Abends sitzen die Camper auf ihren Luxusklappstühlen vor dem Camper, aber nur bis es dunkel und zu kalt wird. Dann verkriechen sich alle in ihren „grenzenlosen Freiheitswagen“ und sitzen in ihren großen Ledersesseln vor dem niegelnagelneuen Flachbildschirm. Der muss auch genutzt werden, denn die Ausrichtung der Antenne hat den ganzen sonnigen Nachmittag gedauert.
Ab und zu werden sie an ihre Anfänge erinnert, nämlich dann, wenn wir auf dem Campingplatz auftauchen. Ein kleiner Camper, der völlig autark ohne Strom und Wasser auskommt. Das Klo ist bei uns zu einem Abstell- und Trockenraum umfunktioniert und wir versprühen immer noch ein wenig Improvisationsgeist. Dann wird interessiert das deutsche Nummernschild beguckt und ein Pläuschchen mit uns gehalten. Häufig erinnern sie sich an ihre Reisen in die Ferne und das sie leider viel zu wenig davon unternommen haben. Jetzt geht es wegen der Gesundheit schlechter. Die langen Wanderungen schrumpfen zu kurzen Spaziergängen zusammen und die künstlichen Gelenke schmerzen.
Aber auch rüstige Rentner treffen wir, die im Winter in kleinen Campern durch das Land ziehen oder wie die Zugvögel in wärmere Klimazonen. Die geben uns technische Tipps und im Gespräch mit Ingo wird „die blonde Freundin als scharfer Feger“ bezeichnet. Die meisten erfüllen sich ihren Traum von der weiten Welt nach der Rente. Leider merken sie erst dann, dass das Reisen immer schwerer fällt und die Inhalte ganz andere geworden sind. Die Nähe zur Natur ist augenscheinlich noch da, aber das umwelt- und naturfreundliche Handeln schon lange nicht mehr. Der Ruf der Natur hat sich verändert und ist kaum mehr zu hören. Wie denn auch, beim Surren der Klimaanlage und dem Gurgeln der Toilettenspülung.