"Das Feiern ist ihnen dann schnell vergangen, als der weiße Mann den Anspruch auf das Land wahrmachte"
Die aufeinander prallende Einstellungen zum Leben und zum Umgang mit der Natur konnte konträrer nicht sein. Die First Nations fällten beispielsweise die ehrwürdigen roten Zedern nur zu besonderen Anlässen oder sie schälten behutsam Teile aus der Rinde, damit der Baum weiterwachsen konnte. Von den gejagten Tieren wurden alle Teile verwendet, selbst die Federn oder die Zähne als Schmuck. Und dann enterte der damalige Kapitalismus den Kontinent und die Sieger schrieben die Geschichte. Der Stellenwert einer Kultur wurde nach Prestige, materiellem Reichtum und Fortschrittlichkeit bewertet. Leider hat sich diese traurige Sichtweise bis heute gehalten. Wenn Kanadier stolz ihre "kulturellen Schätze" vorzeigen, dann verstaubte Goldgräberstätte, kitschige Alphornbläser oder richtiges kandadisches Essen "Burger und Pommes". Wieso steht nicht Lachs auf Zedernholz gegrillt ganz oben auf der traditionellen Speisenkarte? Wieso sind sie nicht stolz auf den Umgang mit der Natur? Müssten sie sich dann eingestehen, wie rücksichtslos sie immer noch mit dieser umgehen? In 50 Jahren wird der letzte gemäßigte Regenwald auf Vancouver Island gefällt und damit unwiederbringlich verschwunden sein. Aber das ist wieder ein anderes Thema...
Wir müssen also viele unterschiedliche Leute fragen und schließlich eine verstaubte Straße nach Kispiox fahren. Dort stehen endlich die Totempfähle nicht am Lagerfeuer, wo Cowboys gefesselt auf ihren Tod warten, sondern Mitten auf der grünen Wiese im Ort. Diese Totempfähle stehen vor den einfachen Häusern der First Nations in dem Reservat, sind originale Schnitzereinen und keine bunten Auftragsarbeiten. Der Ort selbst sieht seelenverlassen aus, aber die alten verwitterten Totempfähle haben immer noch Seele. Hört sich komisch an, einen toten Baum lebendig zu beschreiben, aber die Figuren, Gesichter und Tiere wirken tatsächlich lebendig. Auf unserer Reise haben wir uns viele Totempfähle angeschaut und Museen besucht. Dabei haben wir gemerkt, dass wir der Kultur am Nächsten in kleinen Ausstellungen und an Orten, ganz weit ab vom hektischen Touristenstrom gekommen sind. Vielleicht ist genau dies das Geheimnis dieser Kultur.