"Uruguay- der getrunkene Joint oder was sonst noch berauscht"
Nach den Menschenmengen in Südbrasilien präsentiert sich uns Uruguay als ruhige Oase. Freundliche Menschen, die wir wieder in spanischer Sprache verstehen. Leere Straßen, wo einem ab und zu ein legendärer Oldtimer entgegen tuckert. Aber beim Blick auf die hohen Treibstoffpreise wird schnell klar, dass diese nostalgischen Momente zukünftig rar werden. Einsame Strände mit wunderschönen Buchten im Norden des Landes, wo der tosende Atlantik einen weißen Meeresschaum an die flachen Strände spült. Landwirtschaftlich kultiviertes Land, soweit das Auge reicht. Aber das kennen wir ja aus unserer eigenen Heimat, wo kein Stein mehr auf seinem ursprünglichen Fleckchen liegt, kein Fluss in seinem unbegradigten Flussbett fließt oder alter ursprünglicher Wald zu finden ist. Hier grasen Rinder und erfüllen die große Nachfrage der Welt an hochqualitativen und vor allem günstigen Rindfleisch. Mittlerweile auch für seinen Nachbarn Argentinien, der anstatt mit grasenden Viechern lieber mit Soja seine Dollar verdient.
Neben der Landwirtschaft ist der internationale Tourismus das zweite Wirtschaftsstandbein des Landes. Bereits seit Jahrzehnten verbringen wohlhabende Argentinier und Brasilianer ihre Ferien an den sauberen Stränden und genießen den Latino-Jetset. Mittlerweile hat es sich allerdings international herumgesprochen und das neue Paradies wird fleißig als "Investment" gehandelt. Southeby`s, Christies, Engel&Völkers und Mengen an nationalen Immobilienfirmen präsentieren sich um das touristische Epizentrum "Punta del Este". Weiter im Norden bleiben wir davon verschont, aber spüren bereits, wie sich die Investitionsgrenze unaufhaltsam in Richtung Brasilien verschiebt und sich weitere Teile einverleibt. Der angepriesene Fischerort "Jose Ignacio" ließ bei steigenden Grundstückspreise schnell die Fischer das Weite suchen. Wir erleben diesen "bezaubernen Ort" im Winter als Geisterdorf. Die einzigen Bewohner scheinen die entspannten und zurzeit "arbeitslosen" Polizisten, die Leuchtturmwärterfamilie mit ihrem großen Hund und die Mitarbeiter im Krämer- und Souvenirladen zu sein. Die vielen Bauarbeiter und Handwerker rauschen aus allen Windrichtungen am Morgen zur Arbeit an und verschwinden in der Dämmerung wieder in die selbige. Die geschmackvollen Häuser, die wunderschönen Gärten, die einladenden Restaurants (jetzt natürlich geschlossen), die sauberen Strände, der romantische Leuchtturm, die verträumten Möwen täuschen in der ersten halben Stunde über die Einsamkeit hinweg. Allerdings nur in den ersten vernebelten Momenten, weil dann das Gehirn melden: hier stimmt was nicht. Genau, die Seelen des Ortes fehlen. Es fehlen die kreischenden Kinder, die bellenden Hunde, die schlurfenden Omas mit ihren Einkaufstaschen, der Fischer mit seinem frisch gefangenen Fisch, der winkende Opa an der Ecke. Es fehlt das Leben! Menschen kaufen sich ein zusätzliches Fleckchen Heimat, um die wenigen Ferienwochen (4-6) des Jahres hier zu verbringen. Alle reisen gestresst an, um dann zur gleichen Zeit wieder abzufahren und sich in der Zwischenzeit von den Massen stressen zu lassen. Die Möbel werden während des Wintertiefschlafs mit Tüchern abgehängt, Unwichtiges im Keller eingelagert, die Fenster mit Holzläden verschlossen, das Wasser und der Strom abgestellt. Nein, natürlich nicht, denn die Alarmanlage funktioniert ja nur mit Strom. Alle Häuser sind voll ausgestattet mit Fernseher, Möbel, Accessoires, Geschirr, Kleidung. Um dann wenige Tage oder gar Stunden das vertraute Heim zu vermitteln, wo man mit seinem Messerchen schneidet, von seinem Tellerchen isst und mit seinem Gäbelchen pickt? Genauso gut können die Bewohner auch das Klo aufmachen, ihr sinnloses Geld in die Klosettschüssel kippen und vielleicht ihr gelangweiltes Leben hinterher. Aber so macht man das in dieser Gesellschaftsschicht. Investitieren in Sachgüter! Und so fahren wir entlang einer ausgestorbenen Küste, die größtenteils von Protz, Uniformität und Langeweile gesäumt ist. Nur die kleinen Stichstraßen in die kleinen, einheimischen Küstenorte geben uns das Gefühl von Leben zurück.
Wir fahren auf einer gähnend leeren Autobahn in die Stadt "Punta del Este" ein. Allein. Die Hochhäuser haben ihre Metallrollländen von den scheinbar kilometerlangen und nie endenden Fensterfronten herunter gelassen. Eine Eintönigkeit jagt die andere. Architekten und Inneneinrichter haben ihre gesamte gegenwärtige, zeitgenössische Kreativität zum Besten gegeben: Aluminium trifft auf Natursteinmauer. Übergroße Fensterfronten treffen auf Glas umringte Balkone; und Einheitsblumentöpfen, Sonnenschirmen, Gartenmöbel auf Marmorsäulen. Jungfräuliches weiß oder zartes beige sind die vorherrschenden Farben. In der Masse kalt und unschuldig rein.
Uns kommen fast die Tränen vor Mitleid, als wir stark geschminkte, runzlige Frauen im Trainingsanzug mit ihrer Evianflaschen "walkend" durch die Hochhausschluchten gehen sehen. Die lächerliche Golfschirmmütze ins Gesicht gezogen, die übergroße Puck-Wie-Stubenfliege-Sonnenbrille auf der kleinen Nase, um auch ja keinen zu sehen. Oder vielleicht auch nur, um zu verdrängen, dass sie nichts und niemanden sehen können. Isolierte Einsamkeit bei strahlendem Sonnenschein. Nur die alten wetterempfindlichen Gelenke machen vor Freude Luftsprünge. Heimat muss eben wachsen und kann nicht per Reisbrett geplant eingepflanzt werden. Uns springen die Bilder von der schmuddeligen chilenischen Hafenstadt Valparaiso an. Wo alte Männer lachend auf einem Platz Karten und Schach spielen. Ums Eck ihren kleinen Krämer und Obsthändler haben und alle Nachbarn mit Vornamen kennen. Oder wie in der Großstadt Montevideo, wo wir die Omas und Opas in ihren gemütlichen Cafes sitzen und diskutieren sehen. Das ist für uns lebenswertes Leben!
Die tägliche Gemütlichkeit oder das Zelebrieren eines Genusses ist in Uruguay an jeder Straßenecke existent. Ein Leben ohne ihren Yerba (Tee), der aufgebrüht in einer Kalebasse zum Mate wird, ist nicht vorstellbar. In allen Reiseführern wird bei diesem Ritual auf Argentinien verwiesen. Wahrscheinlich nur, weil der Schreiber Uruguay noch nicht bereist oder auf der Landkarte zwischen seinen riesigen Nachbarn nicht gefunden hat. Mate-Trinken ist ein Zeichen von Erwachsensein. Wir sehen Teenager stolz mit ihrer Thermoskanne unterm Arm und der Kalebasse in der Hand durch die Straßen gehen. Nicht die erste Zigarette oder das erste bittere Bier ist der Startschuss des Erwachsenwerdens, sondern der Mate. Die grüne Yerba-Pampe bleibt im Gefäß und wird immer wieder neu aufgebrüht. Die wenige Flüssigkeit wird mit einer Art Metallstrohhalm genüsslich eingesaugt. Keiner der Verkäufer oder des Sicherheitspersonals nimmt Anstoß, wenn der Kunde mit einer vollen Kalebasse und der Thermoskanne in den Supermarkt schlendert. An jeder Tankstelle, in jedem Cafe gilt der neue Aufguss von heißem Wasser als Ehrensache oder es stehen praktische Heißwasserautomaten bereit. Die Mülleimer an den Straßen enthalten genauso Spuren vom ausgekratzten Yerba-Tee, wie Bürgersteige, Aschenbecher oder Waschbecken. Und die Einheimischen sind wie in Argentinien und Brasilien nicht egoistisch beim Trinken. Die Kalebasse wird selbstverständlich wie ein Joint in der Runde herum gereicht und selten verschmäht. Außer vielleicht von uns, die diese Kultur zwar schätzen und gerne ansehen, aber einfach nicht mögen. Der Gedanke an Lippenherpes und den Zucker-Ekelkultur im Metallhalm ist manchmal einfach zu übermächtig. Und bei mir (Birte) reicht schon der bloße Gedanke aus, um die schmerzenden Wasserbläschen auf der Lippe sprießen zu lassen. Wunderbar, dass die globale Welt noch solche Kulturoasen bereithält, die es "nur" auf diesem kleinen Fleckchen der Welt gibt. Oder wer empfindet -egal wo auf der Welt- einen immer gleichen McDonalds Burger noch als kulturelle Einzigartigkeit oder als individuellen Genuss auf den Geschmacksknospen? Der Burger ist eben etwas für Sicherheitsfanatiker. Schade, denn wir möchten am Liebsten alle dahin vegetierenden Menschen schütteln und ihnen zubrüllen: Ekel dich beim Anblick von gesottenen Hühnerärschen, probier das mit Speichel vermischte Getränk von Oma aus, kotz nach dem Essen von zu viel Meerschweinchenhaut oder krieg Atemnot beim Verschlucken einer scharfen Chilischote. Aber entdecke Neues und wenn`s nur beim Essen ist!