"La Paz- Friede, Freude, Eierkuchen"
Die Gedanken bei der Einreise in irgendeine ausländische Großstadt sind abhängig von der Art des Reisens. Hält der Urlauber in einer Metropole wie Mexiko City seinen großen Rucksack noch mal fester an sich, wenn er als Backpacker am Busbahnhof ankommt. So beschäftigt einen bei der Einreise am Flughafen in die USA eher die Sorge, ob der als Geschenk gedachte Käse auch durch den Zoll kommt. Im eigenen Wagen ist kaum Zeit sich zu sortieren und langsam anzukommen. Der Verkehr zieht uns wie ein Brotkrümel in den Großstadtstaubsauger, wirbelt uns von links nach rechts, unter den herunterhängenden Stromleitungen hindurch, haarscharf an den anderen unzähligen Autos vorbei und alles wird von Hunderten von Straßenpolizisten begleitet, die autoritär in ihre Trillerpfeife hyperventilieren. Individualverkehr ist fast nur den Wohlhabenden der Stadt vorbehalten, die mit ihren motorstarken Geländewagen den Verkehr aufmischen. In La Paz besteht eine natürliche Selektion der Fahrzeuge, denn die Straßen in den Schluchten sind so steil, dass altersschwache oder untermotorisierte Autos es nicht mal mehr unter viel Husten von unter nach oben auf den Schluchtenrand von "El Alto" schaffen.
Ansonsten bewegen die vielen Colectivos (kleine Toyota-Hiace-Busse) die täglichen Menschenmassen. Die Passagiere stehen wo immer sie aufgekabelt werden wollen und das Colectivo macht- soweit es seine Bremsen zulassen- eine Vollbremsung. In einer brenzlichen Situation wird "Madre mio" gerufen, sich bekreuzigt und dann mit dem Nachbarn weitergeredet. Das Ziel der Fahrt wird von einem Mitarbeiter in alle Richtungen herausgeschrieen. Monoton und schnell wie Salven eines Maschinengewehrfeuers. Die älteren Fahrgäste scheinen sich ihre Gelenkigkeit nur für ihre Fahrt mit dem Colectivo aufgespart zu haben, denn der Wagen fährt bereits wieder an, wenn der erste Fuß im Wagen ist und der zweite noch auf der Straße steht. Das Fahrgeld wird durch die Reihen gereicht und wer aussteigen möchte, ruft dies rechtzeitig nach vorne durch. Mit dem Colectivo fahren wir täglich durch die Straßen der Stadt, überwinden kriechend 1000 Höhenmeter und erleben einen Temperaturunterschied von 10 Grad Celsius. Der kalte Altiplanowind wütet am Rand der Schlucht und lässt die ärmere Bevölkerung im Staub stehen. Wer es sich leisten kann, der verkriecht sich in die Schlucht, die Licht durchflutet, wohlhabend, wärmer und das Flair einer Metropole versprüht. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Von wegen das ärmste Land Südamerikas. Die augenscheinliche Armut sehen wir überall in Bolivien, aber nicht in La Paz (dafür muss man wohl weiter an den Stadtrand fahren).
La Paz hat ein indigenes Gesicht. Auch wenn alle Städte dieser Welt sich durch die Globalisierung immer mehr ähneln, besticht La Paz durch ihre Individualität. Sie ist lateinamerikanisch chaotisch, aber charmant. Anziehend und abstoßend zugleich, denn es gibt wenig "Schönes". Sie ist laut, voller Leben, eng, hektisch, hat abstoßende architektonische Auswüchse, aber zieht einen trotzdem in ihren Bann. Amerikanische Züge bekommt La Paz in Gegenden wie Zona Sur, wo nette Parks neben Edelvillen stehen und die Kinder der Internationalen Schule bei Burger King alleine zu Mittag essen.
Unsere vorhandenen Vorurteile und Vorstellungen über diese Millionenstadt stimmen nicht einmal annähernd mit der Realität überein. Sind diese völlig unterschätzen und unbekannten Länder die, die in Zukunft "neue Metropolen und die neuen wissbegierigen, lebenshungrigen Menschen" auf der Welt hervorbringen? Bilden sich heute Unverbesserliche noch auf unseren westlichen Lebens- und Bildungsstandard etwas ein und vermuten naiv einen gewissen Vorsprung vor diesen unterentwickelten Ländern, so wird dieser sich so schnell in Wohlgefallen auflösen, wie das weltweite Markenzeichen "Made in Germany".
Indigene Frauen tragen in La Paz selbstbewusst ihren "Bowler" auf ihren schwarzen Haaren, die gepflegt in zwei dicken Zöpfe enden. Das Balancieren des Hutes (nein, er ist nicht befestigt, festgeklebt, festgebunden) lässt die Frauen kerzengerade und auf eine besondere Art anmutig und stolz wirken. Die bunten Rüschenröcke und Fransenschals glitzern in der Sonne und lassen ihre modernen Ehemänner im Maßanzug etwas bieder aussehen. Das Mobiltelefon gehört wie selbstverständlich zu jeder bolivianischen Familie dazu und macht die Zahl von 85% Handybenutzer in Lateinamerika anschaulich. Wer trotzdem mit einem Festnetz telefonieren muss, der kann an jedem Kiosk ein aufgestelltes Telefon benutzen. Warum auch teure Telefonzellen aufstellen, wenn es einfacher geht.
Die Realität dieser widersprüchlichen Stadt und Lebensweisen erfassen uns beim Fahren entlang des Flusses Choqueyapa. Die Brühe lässt einem die Tränen in die Augen steigen und schäumt beim Hinabfließen durch La Paz so stark, dass die armen Indigenas am Fluss eigentlich gar kein zusätzliches Waschmittel zum Waschen ihrer ärmlichen Kleidung benutzen müssten.
Auf dem täglichen Straßenmarkt "Rodriguez" und "Max Paredes" sitzen die rundlichen Indigenas mit ihrem Angebot an Früchten und Gemüse. Einige haben viel zu verkaufen, andere sitzen vor ihren 5 Tomaten und 7 Zwiebeln. Sie sitzen scheinbar ihren Tag halb schlafend auf dem Asphalt ohne große Einnahmen ab. Aber es gibt immer was mit den andern Marktfrauen zu besprechen, eine reichhaltige Mahlzeit zu essen oder was Interessantes zu sehen. Und wenn es nur die wenigen Touristen sind, die sich diesen Markt anschauen. Das touristische Zentrum liegt weiter im Norden rund um den "Plaza San Francisco", wo an jeder Ecke ein Polizist die potenziellen Straßendiebe abschrecken soll. Hier gibt es für das heimische Reisealbum die geeigneten Fotomotive, wie getrocknete Lamaföten, die unter der Türschwelle verbuddelt, Glück bringen sollen. Hier sehen sie verstaubt und wie ewige Ladenhüter aus (nicht so in anderen kleine Orten, wo der Durchlauf noch vorhanden ist).
Für uns sind nicht nur die vielen Souvenirstände mit heimischen Textilien interessant, sondern die vielen kleinen Straßen mit allem, was der Mensch zum Leben braucht. Denn hier leben die Menschen noch ohne die teuren, großen Supermärkte. Es gibt eine Straße nur mit geschlachteten Tieren, wo die Fleischstücke in der Sonne von dicken Marktfrauen mit weißen Schürzen und Hauben verkauft werden. In einer anderen Straße gibt es nur Werkzeug, wo Schrauben und Nägeln noch einzeln verkauft werden. Eine andere Straße verkauft ausschließlich Shampoos, Klopapier und Seife. Aber nicht in angemieteten Läden, sondern unter zusammen gezimmerten Verkaufsständen auf der Straßen unter freiem Himmel. Wer nur sein Verkaufstalent und keinen festen Stand hat, schiebt Schubkarren mit seiner Ware durch die steilen Straßen.
Und während wir noch gedankenverstohlen auf die einzelnen Schrauben starren und an die anonymen Baumärkte in Deutschland denken, wo man Nägel nur im Hunderterpack einkaufen kann und die nächsten 50 Jahre die falsche Nägelgröße im Schrank aufbewahrt muss und geschultes Verkaufspersonal die einzige Mangelware ist, schreit uns auch schon wieder eine Mitarbeiterin eines Colectivos ins Ohr. Sie hat ihren kleine Säugling in einem Tragetuch an die vordere Kopfschütze gebaumelt, hält ihm ab und zu eine Brust zum Trinken hin, lacht jedem Fahrgast freundlich ins Gesicht, kassiert, schreit das Fahrziel durch das kleine Fenster und singt zur Beruhigung ihres Säuglings ein Schlaflied. Das ist das ganz normale Leben in La Paz, was übrigens übersetzt "der Friede" heißt.