"Ein Wallfahrtsort der besonderen Art- mit reichlich Bier und Kerzenruss"
Copacabana klingt nach Sonne, einem bunten Cocktail, schönen Menschen und unbeschwerter Urlaubsfreude. Das ist wie mit der Frau an der Sexhotline, die ihren Namen Chantal schmachtend in den Hörer haucht. Die Fantasie spielt einen Streich und aus der langweiligen Buchhalterin mit Überbiss, stumpfen Haaren und fünf schreienden Rotzgören am Rockzipfel wird ein begehrenswertes Sexsymbol.
Copacabana lebt von seinem Mythos, seiner Nähe zur peruanischen Grenze, dem perfekten Klima für eine Bergakklimatisierung, der Nähe zur Isla del Sol (das ist wieder eine andere Geschichte) und seiner Jungfrau. Nicht die aus dem Callcenter, sondern der Jungfrau von Copacabana, die die Gläubigen mit ihren Wünschen und Autos in Massen anzieht.
Vor der weißen Kathedrale stehen bunte Verkaufsstände mit Schleifen, Blumen, Konfetti und allen erdenklichen Dekorationskitsch aus China. Deren Kunden haben eine weite Anfahrt aus Peru und Bolivien hinter sich und stehend trotzdem freudestrahlend in der Warteschlange. Der Priester kommt täglich zu seinen Schäfchen, segnet mit Weihwasser die Autos, Lkws und alle anderen fahrbaren Untersätze, steckt sich das diskret überreichte Kuvert in seinen Talar und lässt die Gläubigen nach der Zeremonie auch noch einen Schluck Bier oder Sekt mit Pajamama, der Mutter Erde, teilen. Das bisschen "Heidentum" wird dabei stillschweigend von der katholischen Kirche geduldet. Die weltlichen Wünsche sind in diesem Teil der Erde noch banal und bodenständig. In der schwarz verkrustenden Kerzenkapelle der Kathedrale haben die Menschen ihre Wünsche nach einem neuen Auto oder einem Haus kreativ und sorgsam aus Wachs geformt und an die Wände geklebt. Die Jungfrau wird es schon richten.
Und weil doppelt besser hält, wird der Kreuzweg auf den Hügel Cerro Calvario in Copacabana auch noch mühsam bestiegen. Auf dem Hügel erinnert die Atmosphäre an eine Molotowcocktailschlacht im Hamburger Schanzenviertel. Die Jungfrau von Copacabana steht in mitten von leeren Bierflaschen und kleinen rauchenden Feuern. Nur das bunte Konfetti und die Miniaturautoverkäuferinnen unterscheiden sich zum Schanzenviertel. Der Boden ist von Kerzenwachs bedeckt und lässt das Gehen zu einer kleinen Rutschpartie werden. Die Angereisten beten erst kniend vor der Jungfrau. Dann wird der gekaufte Wagen in Miniaturform auf einen Stein gestellt und mit Bier gesegnet. Unter dem Stein wird in einer Art Nische Gedenkkerzen angezündet. Einen kräftigen Schluck bekommt dann noch Pajamama, Mutter Erde, und zum Schluss der Gläubige selbst (in unserem Fall wir zum Glück auch). Zwischen allem sitzen die jungen Rucksacktouristen aus aller Welt, die Bolivien als günstiges Reiseland entdeckt haben, die im Sonnenuntergang "chillen" und den besondern "Spirit" in der Nähe der Isla del Sol suchen.
Die lange Anreise, die Segnung und das Schmücken der Autos, das Hinaufgehen des Kreuzweges, das Beten und Biertrinken machen irgendwann hungrig. Unter am Hafen an den einfachen Fischbuden stehen den ganzen Tag die bunt geschmückten Fahrzeuge und deren stolze Autobesitzer und gönnen sich eine Forellen aus dem Titicacasee und ein paar Bierchen. Mit dem Schutz Gottes und der Jungfrau von Copacabana geht es dann müde und angetrunken wieder in Richtung Heimat. Das Ergebnis sieht man an den vielen Kreuzen, die den Straßenrand säumen und von ihren Hinterbliebenen liebevoll geschmückt sind. Die Jungfrau kann schließlich nicht überall ihre Augen haben...