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"Paraguay- in einem kleinen Land schlagen zwei Herzen!"

Die statistische Einschätzung der Sicherheitslage dieses kleinen Landes mit seinen nur 7 Millionen Einwohnern ist aus Sicht des Auswärtigen Amtes während unserer Reisezeit nicht besonders rosig. In den 5 nördlichsten Provinzen herrscht für Wochen der vom Präsidenten ausgerufene Ausnahmezustand. Die Erschießung von Polizisten und das Aufbäumen der Guerilla sind ausgesprochene Gründe, jedoch die verschwiegenen wohl eher der vorherrschende Kampf um, für, gegen Drogen.
Der Grenzübertritt von der brasilianischen Stadt "Foz do Iguazú" in die paraguayische "Ciudad del Este" gehört zu einem der "intensivsten". Die grauen Häuserfassaden sind mit großformatigen Werbeplakaten verdeckt. Jeder Millimeter scheint für die sinnentleerte bunte Vermarktung gepflastert zu sein und bildet den krassen Gegensatz zum dreckig braunen Grenzfluss, dem Paraná. Subtropisches Klima, blutrote Erde und gigantische Pflanzen, die wir von unseren Omas in kleinen Blumentöpfen auf den Fensterbänken kennen, umgeben uns ebenso unwirklich. Skurrile Grenzwelt.
Der "kleine Grenzverkehr" zwischen den Anreihnerstaaten macht die Ein- und Ausreise ohne große Formalitäten möglich. Anders ist der Ansturm auch nicht zu bewältigen oder das "big business" würde zu schnell ins Stocken geraten. Denn Paraguay ist für die Brasilianer, Argentinier und andere ausländische Nationen ein Einkaufsparadies. Besonders nach der Erhöhung der argentinischen Steuern auf elektronische Geräte und der starken brasilianischen Währung blüht die Schattenwirtschaft. Hier sondert nicht nur das Kaufen die gewünschten Glückshormone ins Blut ab, sondern auch der heimliche Grenzschmuggel nach dem Kauf lässt das Adrenalin in den Körper schießen. Denn Einfuhrzölle fallen theoretisch immer an. Nur muss der Käufer dafür auch "erwischt" werden. Schwer bewaffnete Polizisten in verschwitzten T-Shirts, Jeans und schusssicheren Westen stehen mit ihren meterlangen Waffen und ziehen stichprobenweise raus. Auf der Grenzbrücke, bei den auf beiden Seiten gehenden Fußgänger; auf den wenigen Straßenspuren bei den fahrenden Linienbussen, privaten Autos, Lastwagen oder bei den unzähligen Motorrad-Taxen. Die Stichproben sind gering und die Wahrscheinlichkeit unbemerkt durchzuschlüpfen groß.
Der Platzmangel an der Grenze macht erfinderisch und so sausen wendige Motorrad-Taxen mit ihrem einzigen Passagier im Rücken über die Grenze, zwischen den wartenden Blechlawinen hindurch. Helmpflicht ist leider notwendig und wohl der einzige Wehrmutstropfen bei der schnellen Überquerung auf dem Sozius. Uns juckt die Kopfhaut bereits beim bloßen Gedanken an Kopfläuse.
Den gesamten Tag drückt sich die Blechlawine im Millimetertakt über die Brücke. Geordnetes Chaos nach dem Flaschenhalsprinzip. Und weil der eintägige Konsument schlichtweg den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, gibt es bereits den schlauen "Kundenservice" beim Eintritt ins gelobte Konsumland. "Guia de electronica", "Führer für Elektronik" versperren freundlich aber bestimmt den Fußweg und bieten ihr Wissen durch den Elektronikdschungel an. Du sagst, was du brauchst und er führt dich hin. Und es gibt hier alles. Kleine Verkaufsbuden säumen ebenso wie große "Malls" die Straßen. Fünfsprachige Verkaufstalente greifen zum Telefon und per Kurier oder "Freund" wird das gewünschte Gerät in Minutenschnelle zur Ansicht geliefert. Jeder kennt jeden und irgendwo scheint es eine übergroße Aladin-Schatzkiste zu geben, die alle Träume erfüllen kann. Wie und wer hier Geld verdient ist so schleierhaft, wie der Rauch aus Aladins Wunderlampe.
Die Rinnsteine der Grenzeinfallstraße sind im laufe des Tages gesäumt von Verpackungsmüll. Das neu gekaufte Mobiltelefon wird hastig aus der Packung gerissen, eingesteckt und hoffentlich ohne Einfuhrzoll über die Grenze nach Brasilien oder Argentinien gebracht. Abends schlummert die Grenze erschöpft und fast geräuschlos vor sich hin. Zur gleichen Zeit schlägt jedoch die Stunde der Müllsammler. Denn was für den einen unnötiger Ballast ist, ist das tägliche Brot für den Anderen. Plastik, Karton, Dosen werden sorgsam vor dem Eintreffen der Müllabfuhr abtransportiert- dann ist bereits Mittagnacht. Ein paar Stunden Zeit zum Verschnaufen bleiben bis wieder Straßenkinder mit verschleierten Augen ihre schmutzigen Hände zum Betteln aufhalten und die vielen Container aus China leer verkauft werden müssen.
Die Enge der Straßen, die Geschäftigkeit der Märkte und die traurigen Einzelschicksale bilden noch die ersten Eindrücke von Paraguay, als wir bereits vor der ersten Sicherheitsschranke vorm "Parana Country Club" (500 Hektar) stehen. Die erste Schranke ist "nur" zum Eintritt in den kommerziellen Bereich des Clubs und verhältnismäßig lax. Deutsche Luxusfirmen wie Mercedes und BMW begrüßen uns ebenso, wie die Videoüberwachungskameras und die freundlichen Sicherheitsmänner inklusive Schrottflinten. Wir können unseren Einlass glaubwürdig mit einem Einwohnernamen begründen, werden zum nächsten Einlass gewunken und computergestützt erfasst. In die Schlange der Luxuskarossen reihen wir uns sprachlos ein und werden von modebewussten Teenagern im Golfcaddy überholt. Der Dresscode der erfolgreichen Bewohner ist klar und markenorientiert, das neueste Mobiltelefon klebt am Ohr und die übergroße Sonnbrille lässig auf der Nase. Noch völlig verwirrt vom emotionalen Karussell dieses Landes hören wir im Nachbargarten die Kinder mit ihrem neuen Kinderferrari protzen. PS-stark, ohrenbetäubend und schnell wird auf der Überholspur des Lebens die Kinderjahre verbracht. Der clubeigene Golfplatz ist ebenso international anerkannt, wie die eigenen Schulen. Tagsüber gehen nur wir und die vielen Angestellten zu fuß durch die eingezäunte Wohnanlage. Viele Türen stehen offen, gewähren einen stolzen Einblick in die Häuser und die Unbeschwertheit der Bewohner ist zum Greifen nahe. Erst als die Dämmerung einbricht, erfüllen die wohlhabenden Bewohner ihr Bedürfnis auf sportliche Betätigung auf der clubeigenen Tennis, -Fußball- oder was das Herz noch so begeht- Anlage. Stilvoll und vom Servicepersonal umringt- selbstverständlich.
Geld lässt die architektonischen Auswüchse in dieser Kunstwelt wie ein Krebsgeschwür ins Groteske wuchern. Schlicht war gestern und Ausdruck von persönlicher Bescheidenheit oder gar Beschränktheit; geschmackloser Protz steht nun für die globale Gegenwart. Uniformität, die nur durch kleine Individualitäten wie Säulen, Ornamente oder Türmchen unterbrochen wird. Asiatisch verwurzelter Kitsch, trifft auf amerikanische Verträumtheit oder Schweizer Gründlichkeit.
Wie einige ihr sauberes Geld erworben haben, lässt sich an dem Wunsch nach noch mehr Sicherheit ermessen. Im doppelt gesicherten Gelände stehen mauerumzäunte Villen, die nachmals gesichert sind (eine Art Gefängnis im Hochsicherheitstrakt). Ist die saubere Nobelwelt vielleicht bei einigen doch nicht so sauber erworben worden wie die weißen Marmorsäulen vorm Eingang oder Frauchens Tennisröckchen und deren Perwoll-Pudel es vormachen wollen?
Beim Verlassen dieser Disney-Wunderwelt parken vorm Eingang ballongeschmückte Golfcaddies. Ein sicherheitsabgeschotteter Kindergeburtstag sieht auch hier anders aus. Die kleinen Gäste werden von einheitlich gekleideten und gebuchten Spaßmacherinnen abgeholt, durch die zwei Sicherheitsschleusen gelotst und von dunkelhäutigen Dienstmädchen umsorgt. Scheinbar wunschlose Kinder. Eine für uns nachdenkliche Stimmung hängt in der Luft beim Verlassen dieses kleinen Landes. Wenige Tage, die uns wieder einmal mit voller Wucht die Bilder des ungeschminkten Lebens und der Verteilungskämpfe in unser Bewusstsein und auf unsere Herzen geknallt haben. Puh!

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