"Pralle Lippen und was für dicke Dinger- das Land der Extreme"
Beim Grenzübertritt nach Brasilien kichern uns die brasilianischen Beamtinnen freundlich entgegen. Sie schauen sich unsere Stempel im Reisepass an, kommentieren einige, lachen bei jedem zweiten Satz und der niedliche Grizzly-Stempel aus Alaska entlockt besonderes Entzücken. Der leger gekleidete Zöllner entschuldigt sich für sein verspätetes Erscheinen; er muss noch eben sein Mittagessen beenden. Im öffentlichen Bus herrscht eine ausgelassene Stimmung. Viele unterhalten sich und gelacht wird sowieso. Unser erster Eindruck vom neuen Urlaubsland ist heiter, ausgelassen und unbeschwert. Man spürt, dass Brasilien zu den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern in der Welt gehört. Die Kommentare gegenüber ihrem Nachbarn Argentinien, dem "Verliererland", klingen deshalb wohl auch so bissig überlegen. Aber diese Meinung kennen wir bereits von allen anderen Nachbarstaaten. Argentinien wird belächelt und locker überholt.
Sowieso sind die Brasilianer zurzeit auf der Überholspur. Unsere Frage, ob sie eine "Siesta" halten (in brüllend heißen Ländern die obligatorische Mittagspause), wird kopfschüttelnd belächelt. "Zeit ist Geld und nur die Faulen schlafen". Wir kennen nur einen winzigen Bruchteil des Landes (sind "nur" 3.500 Kilometer in diesem gefahren), nämlich den südlichen Speckgürtel. Aber der scheint nie zu schlafen. Die wichtigsten Industrien sind hier Arbeitgeber für viele. Sowieso gibt es hier alles in Massen: Menschen, Autos, Lastwagen, Hochhäuser, Werbetafeln. Und unsere Schweißringe unter den Achseln selbstverständlich auch. Denn die Brasilianer fahren entsprechend ihrem Temperament Auto. Ihr großes Vorbild ist und bleibt der legendäre Rennfahrer Senner, der risikobereit alles überholte und seine Gene scheinbar landesweit verstreut hat. Überholverbotsschilder, durchgezogene Straßenlinien, entgegen kommende Autos stellen kein Hinderungsgrund fürs Überholen dar. Die unzähligen Unfallautos als Mahnmal vor den Polizeistationen werden schlichtweg ignoriert. Unser entspanntes Reisetempo findet in Brasilien ein jähes Ende und die Tachonadel schnellt auf Höchstgeschwindigkeit. Nicht weil unser nordisches Temperament Latinoluft schnuppern durfte, sondern weil der rasante Hintermann ansonsten im Inneren unseres Campers verschwindet. Im Rückspiegel ist er das bereits gänzlich. Die wenig schöne Landschaft fliegt ungesehen an uns vorbei und erstickt in den stinkenden Alkoholabgasen. Besoffene Autos! Alkohol ist hier der günstigste Treibstoff für Fahrzeuge und die dafür notwendigen zuckerhaltigen Pflanzen können auf den abgeholzten Urwaldflächen in Massen angebaut werden. Wie praktisch.
"Zeit ist Geld". Und davon haben in Brasilien einige mehr und andere weniger. Die mehr davon haben, wohnen in den Städten geschützt hinter hohen Mauern, Elektrozäunen und haben ihren viel geliebten Dobermann im Vorgarten kläffen. Helikopterfliegen ist ebenso angesagt, besonders in den gigantischen Metropolen. Denn im Luftraum wird das Verkehrschaos einfach umflogen und die Gefahr einer Entführung reduziert. Die Brasilianer, die wenig oder nichts haben, wohnen in Bretter/Wellblech/Plastikverschlägen irgendwo im Rand der Stadt. "Favelas", die illegal auf irgendeinem Grund in Stunden entstehen. Beim Durchfahren der Hochhausstadt "Porto Alegre" unterbricht eine grau-braune Bretterstadt zwischen zwei Industriekomplexen die durchgängige Industrieansiedlung. Produzierendes Gewerbe, Firmenbauten und Dienstleister reihen sich ansonsten aneinander und haben wahrscheinlich über Nacht ihre unerwünschten Nachbarn bekommen. Andere Müllsammler hausen mit ihren Familien zwischen den Autobahnen oder in sumpfigen Straßengräben am Fluss und natürlich in Bergen von Müll. Nur 50m Luftlinie von anderen Nachbarn entfernt, die ihre Motorjacht vor der Villa parken.
Aber warum ist Brasilien ein Mythos für einen unbeschwert aufregenden Urlaub? Klar, der Karneval ist zwar nur in Rio de Janeiro, aber ein bisschen von dem sexy Flair schwebt wohl immer und überall in der brasilianischen Luft. Im Urlaubsort Florianopolis finden wir auch bei schlechtem Wetter dieses Klischee bestätigt. Perfekt trainierte schokobraune Rastermänner joggen T-Shirtlos am Strand entlang. Der kleine muskulös geformte Hintern gleicht einer Sprungschanze und die goldene Haut glänzte unter einer leichten Schweißschicht. Was hier im Sommer für ein Körperkult getrieben wird, ist leicht vorzustellen. Brasilien mit seinen 200 Millionen Einwohner gehört zu den Ländern mit den meisten Schönheits-OPs und -behandlungen der Welt. Ein brasilianischer Freund erzählt von seinen weiblichen Schulkameradinnen, die ihre Brustgröße so schnell und selbstverständlich wechseln, wie Paris Hilton ihre Taschenhündchen oder Boris Becker seine schokobraunen Frauen. Bei Klassentreffen stehen nicht die neuen Ehepartner oder gezeugten Kinder im Gesprächsmittelpunkt, sondern die teuren Investitionen wie neu geformte Näschen und Körbchengrößen. Plötzlich ertappen wir uns, dass wir den brasilianischen Frauen ungeniert ins Dekoltee starren. Silikon-Valley oder doch Mutternatur? Unser Kennerblick scannt nach einer gewissen Zeit schnell Botox behandelte Schönheit, aufgespritzte Lippen, angeliftete Hintern oder glatt gebügelte Augenfältchen hinter schwarzen Sonnenbrillen. Alle hervorstehenden Körperteile stehen irgendwie künstlich und verloren ab, sind groß, üppig und grotesk. Die an den Tankstellen ausliegenden Tittenhefte springen uns geradezu mit ihren Titelschönheiten im knappen Nichts an. Falsch, die ballonähnlichen Brüste und Hintern tun es.
Brasilien das riesige Land der Extreme. Essen gibt es in vielen Restaurants per Waage. Kilogrammpreis. Die Gerichte, die für zwei Erwachsene ausgewiesen sind, machen locker auch eine Kleinfamilien satt. Aber leider hat mit dem wirtschaftlichen Aufschwung auch der "amerikanische Lebensstil" Einzug in die heimische Küche gehalten. Einweg, McDonalds und Co. lassen grüßen und die schwabbelige Fettansammlung an den Körpern ebenso.
Wir verlassen das überfüllte Brasilien fluchtartig und haben einen entschiedenen Fehler begangen. Wir hatten zu wenig Zeit. Brasilien kann man nicht "mal eben so streifen" und sich einen Eindruck verschaffen. Wie dumm von uns, denn beim bloßen Blick auf die Landkarte mit seinen Entfernungsmaßen hätte uns schon der Gedanke kommen können. 200 Mio. Menschen, die faktisch auf einem Flecken des Landes wohnen verdrängen mit ihren Wünschen nach Fortschritt, Wachstum, Luxus, Lebensqualität alles. Leider auch uns, die mit dem eigenen Wagen die brasilianische Straßenfülle als eine der schlimmsten auf unserer Reise empfunden haben. Frei nach dem Motto: Wer bremst verliert. Da können uns selbst die kleinen Affen- Marke Herr Nilsson- in der Millionenstadt Ciritiba im Stadtpark nicht besänftigen. Auch die Brisanz der Überbevölkerung und deren resultierenden Probleme erzeugen bei uns schon jetzt eine Gänsehaut und lassen in der Zukunft noch Schlimmes erwarten. Für dieses kleine Fleckchen Erde (Südbrasilien) sind wir leider schon zu spät als Reisende unterwegs. Zumindest so, wie wir das Reisen lieben.
Erst beim Verlassen im Süden des Landes auf dem Weg nach Uruguay finden wir unsere langsame Reisegeschwindigkeit und unseren inneren Frieden wieder. Die blanke Verachtung für anonyme Großstädte, hässliche Hochhäuser, abgasgeschwängerte Luft, Fahrzeuge jeglicher Art ebbt ab. Wir streifen durch das brasilianische Gaucholand und treffen auf noch mehr deutschsprachige Brasilianer. "Wir sprechen pomerod", stiftet erst einmal bei uns Verwirrung. Als die blonden Brasilianer in "São Lorenço do Sul" aber von ihren Großeltern erzählen, die aus Pommern hierher ausgewandert sind, glauben wir die Tatsache, dass in Brasilien die größte "Ansammlung deutschsprachiger Menschen" lebt. Namensschilder wie Jahnke, Schmitz, aber auch alle "Männer" wie Bergmann, Kaufmann, Volkmann, Zimmermann hatten das bereits verraten. Wir verstehen deren "doitsch" zwar ebenso schwer, wie im eigenen Land das Sächsisch, aber den Stolz auf ihre Vorfahren hören wir noch immer durchklingen. Vaterlandsliebe, wie auch bei den vielen italienisch stämmigen Brasilianern, die stolz im Fiat die Italienflagge hissen und bei denen wir herzlich Unterschlupf finden.
Beim Verlassen des Landes wünscht uns der Zollbeamte im perfekten deutsch eine "schöne Weiterreise" und unser brasilianischer Freund freut sich nicht einmal ironisch mit uns, dass wir in der kurzen Zeit in seinem Heimatland unser fahrendes Gefährt nicht zu Schrott gefahren haben. Vielen Danke, muito obrigado!