"Koka ist grün- Kokain ist weiß"
Die Erklärung "Koka ist grün- Kokain ist weiß" des bolivianischen Präsidenten Evo Morales vor der UNO-Vollversammlung ließ wahrscheinlich einigen Herrschaften das Blut in den Adern gefrieren. Simpel und deshalb ein kräftiger Tritt in die Hintern der Kokagegner. Die nackte Wahrheit, die so unverblümt und naiv vorgetragen wurde, wie die Abschaffung des Kokabaus in den Anden schwachsinnig und unvorstellbar ist. Seit 1961 wird Koka offiziell von der Genfer Konvention geächtet. Dabei ist "Mama Koka" seit Uhrzeiten auf diesem Kontinent ein Heil- und Kultmittel, die nicht nur von den Schamanen in den Ritualen verwendet wird. Die Inkas maßen ihre Entfernungen bereits in Kokalängen. Also die Zeit in der die Wirkung nachlässt und neue Kokablätter gekaut werden mussten. Beim Kokakauen werden die Blätter von den Stielen gezupft, mit Pottasche vermischt und in die Wange gesteckt.
Traurige Bedeutung hatte Koka bereits in der Zeit der spanischen Eroberung. Zunächst sollte das "Teufelszeug" verboten werden. Aber als die Spanier die Leistungssteigerung in den Minen durch das Kokakauen entdeckten, wurde es sozusagen für das Arbeiten rund um die Uhr von den "Zivilisierten" verordnet und wieder gut geheißen.
Seit Ecuador gehört der morgendliche Kokatee zu unserem "Lebenselixier", denn die Höhe in den Anden schlaucht uns Flachlandtiroler mächtig. Auch wenn wir nicht wie andere Reisenden unter Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Kopfschmerzen leiden, so spüren wir doch den sinkenden Energiepegel in der Höhe. Und Koka hilft uns, nicht nur bei der vermehrten Aufnahme von Sauerstoff (der verursacht in der Höhe unkontrollierte Schnappatmung; wie ein Karpfen auf dem Trockenen), sondern vor allem den Einheimischen gegen das Hungergefühl und die Müdigkeit. In Bolivien ist im Vergleich zu den anderen Andenländern die Tradition des Kokakauens für uns noch offensichtlich, denn überall begegnen wir kauenden Menschen. Häufig sitzen die Leute ruhig am Straßenrand, gucken sich das Marktgeschehen an und kauen genüsslich ihre Blätter. Andere halten ihren Kokabeutel in der Hand und stopfen noch im Gehen die Blätter in den Mund. Aber alle haben diesen von weitem zu riechenden Kokageruch an sich, häufig einen dunklen Speichelrand am Mundwinkel und ganz sicher eine undeutliche Aussprache wegen des Kokaklumpens in der Wange. Und dabei vereint Koka alle Berufszweige egal ob Taxifahrer, Busfahrer, Marktschreier oder Ladenbesitzer.
Aber was soll die Verteuflung des grünen Kokastrauchs? Es gibt circa 250 unterschiedliche Kokasträucher. Nur bie einer handvoll lassen sich nennenswerte Kokainanteile durch Zusatz von Schwefelsäure herauslösen. Und warum hat das klebrige Zuckergetränk Coca Cola wohl den Begriff Koka im Namen? Wohl nicht, weil die Cola-Blattlaus das schwarze Gebräu einfärbt oder der dicke Colabär in die Brühe spuckt.
Unwissenheit, eine überhebliche Arroganz und die Anmaßung aus seiner jeweiligen Lebenskomfortzone eine Kultur zu bewerten, die so weit weg von unserer ist wie der Mond, sind wohl die Gründe für die Verteuflung. Denn Koka ist nicht nur eine Pflanze, sondern ist ein Stück Andenkultur, die wir mit unseren vollen Mägen, als Inhaber einer Krankenversicherung, wohnhaft in einem gemütlich beheizten Haus und auf einer Kaltschaummatratze schlafend nicht beurteilen können und vor allem nicht sollten.
Das Kokain ein weißes Pulver ist und nicht besonders schlau macht, dürfte der frühere Präsident eines großen Landes und "Herrscher der westlichen Welt" (wörtlich zitiert) wohl an sich selbst oder an seinen Töchtern bemerkt haben. Ein Feldversuch im Haus mit der "Weißen Weste" und sicherlich ganz selbstlos. Koka ist eben ein Strauch und kein "Bush".