"Merkwürdig oder einfach des Merkens würdig"
Es gibt Menschen, die würden ihrer Sprache nach zu urteilen, am Liebsten in Zwergenhausen leben. Das Haus schrumpft zum Häuschen (fehlt nur noch das Carpöttchen). Der Kosename des angetrauten Mannes mutiert zu Mäuschen, Häschen oder Purzelchen. Und mit der verbalen Verirrung verschiebt sich automatisch auch das emotionale Gesamtgefüge. In Bolivien sind die Verniedlichungen allerdings sympathisch und zum Schmunzeln komisch. Wie selbstverständlich nennt uns die Marktfrau "Mamita und Papito" und schafft dadurch eine unschlagbare Verkaufsatmosphäre, in der das obligatorische Verhandeln um wenige Bolivianos unmöglich wird. Die Untereinheit eines Bolivianos (0,10 Euro) nennt sich Centavo. Für unsere Verhältnisse zum Geld kaum mehr der Rede wert, kann aber auch in diesem Land noch kleiner als klitzeklein beschrieben werden. Der Centavo wird zum Centavito und erhält einen Wert, der noch eine unvorstellbare Null vorm Komma eines Eurocents bekommt. Aber für bolivianische Verhältnisse seine Berechtigung hat und ebenso Erwähnung findet. Nach dem Motto: wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Recht so!
Viele Dinge sind gesetzlich vorgeschrieben, jedoch so unsinnig und überflüssig wie ein Kropf, sodass die praktische Umsetzung im bolivianischen Alltag einfach unbürokratisch aufgehoben wird. Vor der ersten sinnlosen roten Ampel im Nirgendwo auf der Zufahrtstraße nach La Paz halten wir noch gesetzestreu an. Das Deutschsein können wir dann doch nicht so leicht ablegen. Auf der Nebenspur halten die bolivianischen Autofahrer kurz an, um dann im Affenzahn die rote Ampel zu überfahren und uns im Staub stehen zu lassen. Das fällt wohl auch wieder unter "andere Länder, andere Sitten" und wir tun es den Bolivianern gleich. Ein kurzer Blick in alle Richtungen und die rote Ampel wird schlichtweg ignoriert und überfahren. Bevor uns ein bolivianischer Autofahrer hinten drauf knallt, weil er mit ausländischen Autofahrern nun wirklich nicht im bolivianischen Straßenverkehr gerechnet hat.
Der Blick heftet an den vorbei fahrenden Autos wie die Augen des Formal-1-Fans am Rennwagen. Ein schneller Blick von links nach rechts und schon ist alles in Sekundenschnelle am Hundeauge vorbei gezogen. Die am Straßenrand liegenden Bettelhunde haben ihre Pfoten übereinander geschlagen, gucken uns intensiv in die Augen und folgen ebenso schnell unserem Wagen mit ihren Kulleraugen. Die Aufteilung der Straße nach Cochabamba in Abschnitte pro Hund erinnert uns an die Davidstraße auf der Reeperbahn, wo jede "Dame" ihren Arbeitsbereich organisiert hat und einen Meter des Bürgersteigs ihren Arbeitsplatz nennen kann. Die vielen Hunde am Straßenrand sind entweder herrenlos oder verlassen morgens auf der Suche nach Fressbarem ihre ärmlichen Familien; nehmen ihren Platz ein und warten geduldig bis vorbeifahrende Autos Essensreste auf die Straße schmeißen, die dankbar wie ein Staubsauger von den Hunden inhaliert werden. Nur eine Gegenleitstung wie auf der Reeperbahn wird nicht von den Gönnern eingefordert und die "gute Tat" ist scheinbar Lohn genug. Die Fenster der Reisebusse werden zur Seite geschoben und leider wird auch mit dem Essen aller Unbrauchbarer Dreck inklusive des Mülls in die Straßengräben und vor die Hundepfoten entsorgt. Aber die Hunde können mittlerweile genauso geschickte die Mülltüten öffnen wie sie sich mit ihren treuen Augen in die Herzen der Vorbeifahrenden katapultieren. Der bolivianische Hundestrich!
Das Vermummen mit Wollskimasken erscheint in den flimmernd heißen Straßen von La Paz auf den ersten Blick unwirklich, unsinnig, aber keineswegs bedrohlich. Die jungen Schuhputzer haben diesen "Kult" um ihren Berufsstand entwickelt und von ihren Kunden wird es akzeptiert. Und die Maske kann viel verhüllen: die Abneigung zum Schuhputzerberuf und zu ihren Kunden; die glasigen Augen, die vom Drogenkonsum ins Leere schauen; das fehlende Selbstbewusstsein, dass die vorhandene Armut verkümmern ließ. Dabei kann doch jeder stolz auf seine "anständige Arbeit" sein, egal wie und womit er sein Leben bestreitet, oder? Wir gehen lieben zu den alten, stolzen Schuhputzern mit ihren Sonnen gegerbten Gesichtern und tiefschwarzen Händen, die sich mit Zeitung lesen ihre freie Zeit vertreiben, ein Schwätzchen mit uns halten, ihre Lebensgeschichte in Kurzversion erzählen und uns den Weg in versteckte Kneipen zum "besten Kaffee der Stadt" beschreiben. Unvermummt.