"Kein Harvard-Absolvent, sondern Kokabauer- das neue Präsidentenprofil in Bolivien"
"Das hat uns Evo gebracht", damit zeigt unsere bolivianische Gastmutter auf ihre in der Sonne glänzende Stromleitung. Sie hat zwei kleine, neue Lehmhütten für Touristen gebaut, inmitten des Sajama-Nationalparks, 4 Stunden von La Paz entfernt und auf 4.400 m über Meeresspiegel auf dem Altiplano. Nachts wird es bitterkalt und Touristen mögen keinen kalten Urlaub. Also kam mit der neuen Stromleitung eine kleine Heizung in die touristischen Unterkünfte. "Was spricht in dieser Gegend gegen einen romantischen Holzofen", fragt sich selbstveständlich der heizungsverwöhnte Deutsche? Es gibt zwar in dieser rauen Gegend ein robustes Bäumchen, was selbst noch auf 5.300 m Höhe wächst, aber ansonsten ist Holz hier Mangelware. Und für romantische Gefühle wird es schon gar nicht verschwendet. Eine simple Stromleitung bringt ihre Augen zum Leuchten und erleichtert ihr hartes Leben in der kalten, aber wunderschönen Altiplano-Region und lässt sie vielleicht ein bisschen am Tourismus mitverdienen.
Bevor wir über die bolivianische Grenze einreisen, berichten uns andere Reisende von der neuen Aufbruchstimmung unter den Ureinwohnern in Bolivien. Mit ihrem ersten indigenen Präsidenten Evo Morales steigt die Hoffnung der indigenen Bevölkerung (60% Anteil) auf bessere Lebensbedingungen und eine gerechtere Verteilung. Bei nur 9 Mio. Einwohnern, die sich auf einer Fläche wie Frankreich und Spanien tummeln kein unrealistischer Gedanke. Jedoch liest sich die Historie von Bolivien wie eine Horrorgeschichte und erklärt uns damit vieles: Salpeterkrieg und Annektion des Küstenstreifens durch Chile; Brasilien reißt sich die östliche Region Acre unter den Nagel; Paraguay klaut sich die Chaco-Region; Militärputsch; Präsidentensturz; Militärregierung; US-amerikanisch unterstützter Präsident...das alles geschah unglaublicherweise innerhalb der letzten 100 Jahre. Die Gründe für die Kriege waren die gleichen, wie sie auch heute noch existieren. Begehrte Bodenschätze und der Kampf um das schwarze Gold (was dann doch nicht in den annektierten Gebieten gefunden wurde).
Mit dem ersten indigenen Präsidenten und ehemaligen Kokabauer Morales wurden unter anderem die Erdgasvorkommen wieder verstaatlicht. Der vorherige US-amerikanisch unterstützte Präsident hatte diese zuvor privatisiert. Dabei kann sich wohl jeder denken, welche Fahne auf dem Unternehmensgelände wehte, oder? Außerdem stoppte Morales die Aktivitäten der amerikanischen DEA (Drug Enforcement Agency), die den "Krieg gegen Drogen" nicht im eigenen Land, sondern in Bolivien bekämpfen wollte. Wäre wohl auch unbequemer die Ursache des hohen Drogenkonsums in den USA zu suchen und mit tiefgereifenden Programmen zu bekämpfen. Stattdessen wird die uralte Kokakultur verteufelt, deren grüne Blätter nichts mit dem weißen Pulver zu tun hat (250 verschiedene Kokapflanzen gibt es, wovon nur 2 Kokain enthalten; aber das ist eine andere Geschichte). Den amerikanischen Präsidenten sollten die Bolivianer eine Woche lang auf ein Andenfeld auf 4.000 m Höhe ohne reichhaltiges Essen zum Arbeiten schicken. Nachts dürften er dann in seiner eiskalten Lehmhütte ohne Heizung und Strom zittern. Und wenn ihm seine Spitzhacke auf den Fuß fällt, dann gehört er nicht zu den 20% Bolivianern, die krankenversichert sind und sich behandeln lassen können. Ob er dann die Notwendigkeit der verteufelten Kokapflanze und den Hintergrund der Andenkultur versteht?
"Wir hatten Militärs und Harvard-Absolventen als Präsidenten", so erzählte uns ein Lateinamerikaner von seiner Heimat, "aber besser erging es uns dadurch auch nicht. Jetzt kann einer aus dem Volk beweisen, ob er es besser kann." Und er hat Recht, denn die Beurteilung seiner Arbeit hat viele Facetten, von denen in den deutschen Medien nicht berichtet wird. Die Verbesserungen der Lebensbedingungen in Bolivien fangen mit kleinen Schritten an: ein Traktor für jede Gemeinde, eine Stromleitung in abgelegenen Dörfern, Gesundheitszentren in erreichbarer Nähe der Kranken, hygienische Toiletten und Trinkwasserleitungen...McDonalds und Burger King gehören nicht zu den "Errungenschaften", die dieses Land braucht.
Wir verstehen immer mehr, warum gerade dieser Präsident in den westlichen Medien so geächtet wird: Evo lädt zum Kaffeetrinken ein. Die Gäste sind die gleichen wie immer, aber der Kuchen wird dieses Mal neu verteilt. Einigen bleibt das kleinere Kuchenstück im Hals stecken. Andere essen zum ersten Mal in ihrem Leben genüsslich ein Kuchenstück mit extra viel Sahne drauf. Guten Appetit!