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"Es ist stockdunkel in den Schächten"

Die einzige Beleuchtung hängt an jedem einzelnen Helm. Je weiter wir in den Schacht gehen, um sie grauer werden die Lichtkegel im Staub von unseren Lampen. Die Druckluftleitungen für die Presslufthammer, die permanent zischen und die Schienen in den großen Schächten sind die einzige Zufuhr von außen. Keine Belüftung, kein Luftabzug. Wir stolpern mit unseren Gummistiefeln durch den Matsch am Boden, stoßen mit den Helmen immer wieder an Felsen an. Einen kurzen Moment fällt das ruhige Atmen in der staubigen Luft schwer und eine Angst machende Hand scheint das eigene Herz zu umfassen. Bloß keine Panik bekommen und vor allem nicht viel Denken. Wir hören die Explosionen der Sprengungen im Berg, die sich wie laute dumpfe Bässe in einer Großraumdiskothek anhören. 10.000 Menschen arbeiten im Berg, davon 800 Kinder.
Wir treffen die Arbeiter, die für eine kleine Pause dankbar zu sein scheinen, und reden mit ihnen. Obwohl es schwer fällt, weil der Tränenkloß im Hals groß ist und immer wieder runtergeschluckt werden muss. Die von uns gekauften Geschenke werden verteilt und ein Lächeln huscht kurzzeitig über die dreckigen Gesichter. Die älteren Arbeiter haben sich ein Stofftuch über die Nase und den Mund gebunden. Für die Jüngeren scheint der Tod noch weit weg zu sein, denn sie arbeiten tagtäglich ohne jeglichen Staubschutz. Einen jungen Mann fragen wir, wie alt er ist. 18. Und er arbeitet seit drei Jahren in der Mine, grinst er stolz. Er schaut uns aus einem alten Gesicht entgegen. Dunkle Augenschatten verschleiern sein Gesicht. Ein Gesicht, was in seinem Alter Unschuldigkeit und Unbeschwertheit ausdrücken sollte, aber schon alt und illusionslos wirkt. Älter als 35 Jahre werden die Minenarbeiter in der Regel nicht, denn die Staublunge oder die Leberzirhose zerfressen den Menschen schon in dem jungen Alter langsam, aber sicher.
Zum Schluss schauen wir uns den "Tio" im Minenschacht an. Eine teufelsähnliche Gestalt mit Hörnern und großem Penis, den die Männer jeden Tag mit Geschenken verehren. Oben auf der Erde beschützt ihr christlicher Glaube sie, so hoffen sie jedenfalls. Hier im Berg beschützt sie ihr "Tio", der mit Kokablättern bedeckt ist, Schnaps vor den Füssen liegen hat und der eine qualmende Zigarette in den Mund gestopft bekommt. Was einige nicht mehr wissen, ist der Grund dieser Figur. Die Spanier haben bei ihrer Eroberung den Einheimischen mit ihrem "Dio", ihrem Gott, Angst eingeflösst und gedroht, damit sie arbeiten. Da es in der einheimischen Sprache Quechua kein D gab, wurde aus dem Gott, "Dio", der Onkel, "Tio". Leider war es nicht der liebe Onkel.
Beim Hinausgehen, sehen wir am Ende des Schachts das Tageslicht. Die Luft wird mit jedem Schritt nach draußen klarer und reiner. Es schneit und vor den Baracken der Minenarbeiter haben sich Schlammpfützen gebildet. Alles wirkt noch deprimierender als im Sonnenlicht. Die Männer waschen sich nach ihrer Schicht in Waschtrögen den groben Schmutz vom Körper. Junge Männer in Marken-Trainingsanzügen, mit Baseball-Cap und Turnschuhen haben ihren Dreck hinter sich gelassen und verlassen lachend das Gelände. Feierabend. Und wir haben das trügerische Gefühl, dass diese jungen Männer die gleichen sein könnten, wie bei uns Zuhause. Sind sie aber leider nicht, weil sie im falschen Land geboren wurden und nicht die Gnade der Geburt mit uns teilen.
Potosí war in der Kolonialzeit eine der reichsten und entwickelsten Städte der Welt und fand Erwähnung im gleichen Atemzug mit Paris und London. Heute gibt es in Potosí wunderschön restaurierte Kolonialhäuser und Kirchen, die von der UNESCO geschützt werden. Elegant gekleidete Männer in Anzug mit Einstecktuch flanieren durch ihre Stadt. Schlendert man zu fuß durch Potosí, dann kann die Stadt einen leicht blenden. Denn nur ein paar Straßen vom Zentrum entfernt, liegen die einfachen Behausungen der Minenfamilien. Betrunkene Männer liegen in der Hundescheiße auf dem Gehweg, wo besorgte Mütter schnell ihre Kinder zur Seite ziehen. Menschen wühlen auf der Suche nach Brauchbarem im Müll oder essen direkt aus der Mülltonne. Und in der Avenida Litoral reihen sich ironisch wirkend unzählige Beerdigungsinstitute aneinander.
Einige haben uns von ihrer Minentour erzählt und "fanden es gar nicht so schlimm". Wie blind vor der Realität muss man sein, um diesen Zustand nicht zu bemitleiden und es schlimm zu finden? Naivität und Unwissenheit schützen wie immer vor Mitgefühl, Emotionen und der richtigen Einschätzung der Realität. Dabei steht Potosí lediglich als Synonym für alle anderen Minenstädte in Südamerika und auf der Welt, die keinen Namen mit Außenwirkung tragen. Und unser Freund hatte Recht. Denn die Vorstellungskraft von Emotionen und Gefühlen mag groß sein, aber die Realität kann noch viel schlimmer, emotionaler und trauriger sein...wie in Potosí.

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