"Uns treibt es mit dem Colectivo immer weiter auf den Titicacasee hinaus"
Die Bucht bei Puno öffnet sich und lässt den See im wunderschönen Licht erstrahlen. Die viel zitierte Brillanz des Sees, die leuchtenden Farben und die Tiefenschärfen sind zur Abwechslung mal keine erdachten Marketingfloskeln, sondern Tatsache. Einfach klare Luft!
Nach 3 Stunden Fahrt und 35 Kilometern auf dem spiegelblanken See erreichen wir die Insel Taquile. Der erste Blick ist eine schmucklose und öde Insel. Dies ändert sich jedoch schlagartig, wenn man die ersten Einheimischen sieht. Die Männer tragen stolz ihre selbst gestrickten Mützen, die den jeweiligen Status verkünden. Die Frauen in ihren bunten Röcken schützen sich vor der Sonne mit ihren schwarzen Kopf- und Körpertüchern, die an den Zipfeln in übergroße bunte Bommel enden.
Das Mittagessen verkneifen wir uns auf dieser Insel, obwohl die großen eingedeckten Tische im Garten oder auf den vielen Dachterrassen einladet aussehen. Aber die Insel bietet mehr als Essen und wir machen uns auf dem Weg zum höchsten Punkt der Insel. Die anderen Touristen strömen den schön ausgebauten Weg in die nächsten Restaurants an. Uns führen die schmalen Wege zu den präinkaischen Ruinen und Terrassen auf dem Gipfel der Insel. So schmucklos Taquile von See aussieht, so charmanter zeigt es sich vor Ort. Der Rundum-Blick auf den Titicacasee ist wunderschön, die Beschreibung "groß" scheint immer noch untertrieben und die schneebedeckten Gipfel der bolivianischen Cordillera Real glänzen in der Sonne.
Auf den abgelegenen Seiten der Insel gibt es aber auch die Menschen, die von den vielen Touristen nicht profitieren. Die Frage eines alten, verzweifelten Opas nach Schmerzmittel lässt uns erst an unseren Spanischkenntnissen zweifeln. 5 Minuten später sitzen wir neben einem stinkenden alten Schafsfell bei Opa auf der Wiese, hören seine Geschichte und versuchen ihm zu helfen.
Nach dieser Begegnung ist unser Appetit noch kleiner und der Neid auf die essenvertilgenden Touristen auch. Die fast kollabierenden Ausländer werden auf den kleine Wegen von einheimischen Männern und Frauen überholt, die bergauf große Gasherde oder Getreidesäcke auf dem Rücken schleppen. Die Höhe lässt viele Urlauber grün im Gesicht aussehen und die bunt gekleideten Einheimischen um so attraktiver. Auf der Rückfahrt sitzen viele Taguile-Einwohnerinnen versteckt vor der gnadenlosen Andensonne unter ihren großen Tüchern. Zwei Teenager in traditioneller Kleidung tuscheln hinter vorgehaltener Hand. Das Gesprächsthema bieten nicht die vielen anders aussehenden Touristen, sondern eine andere junge Indigena. Sie sitzt in ihren Nike-Turnschuhen, Jeanshose und lackierten Fingernägeln neben uns. Ihr fröhliches Gesicht strahlt unter Make-up und Lippenstift hervor. Und wir können es am wenigsten verteufeln, dass die nächste Generation die alten Traditionen ablegen möchte. Denn schauen wir in den Spiegel sehen wir genauso aus, wie die globale Einheitsmasse in Jeans, Turnschuhen und T-Shirt. Aber genau das ist es, warum das Reisen und die Begegnungen in diesen Ländern so besonders und bereichernd für uns sind. Das Anderssein!