"Das Königreich ohne Krone und Zepter- aber mit Gold"
Lima, die Stadt der Könige lässt im Norden beim Einfahren in die Stadt wenig Glamour zu. Vielleicht weil die von Pizarro gegründete Stadt nicht königlich war, sondern nur am Tag der Heiligen Drei Könige seine Gründung fand. Im Norden schockieren die Behausungen durch "nichts". Der durch den Wind umher wirbelnde Staub kriecht durch jede Ritze und saugt die letzte Farbe aus der Landschaft und scheinbar auch aus den Menschen heraus. Holzbaracken stehen in der unmenschlichen Wüste und bieten doch irgendwelchen Familien eine gewisse Art von Schutz und die Basis fürs Überleben. Die nördliche Panamericana führt dreispurig in die Stadt, wo jedoch fünf Autos nebeneinander Platz auf der Straße finden. Hektische Spurwechsel bei den peruanischen Machos gehört genauso zum Autofahren dazu, wie der trostlose Staub, kräftig Ausrotzen oder sich kräftig in den Schritt fassen.
Der uns anhaltende Polizist verbreitet sofort Misstrauen, weil er einfach zu nett und zu schön für seinen Beruf ist. Und an den amerikanischen Traum vom Polizisten zum "Peru sucht das nächste Model" glauben wir auch nicht. Nach den ersten ausgetauschten Floskeln kennen wir auch den Grund unseres existierenden Realismus. "Geldstrafe wegen erhöhter Geschwindigkeit", so grinst er uns entgegen. Ein angebliches Schriftstück für unsere deutsche Botschaft mit seinem Namen, Dienstgrad, Grund usw. lässt sein perfektes Schwiegersohnlächeln jedoch erfrieren und uns ungestraft und pfeifend weiterfahren.
Südlich vom Rio Rimac mutiert die dreckige Stadt in eine Art Vorzeigestadt. Die Panamericana verbreitert sich schlagartig, gepflegte Grünanlagen schlucken den Staub und das Autofahren erinnert uns an die belebte Willy-Brandt-Allee in Hamburg. Unser Hostal mit Parkplatz liegt im westlich aussehenden Miraflores. So schnell wie die Grünanlagen erscheinen, so schnell verschwindet die dunkle Hautfarbe der Bewohner. Miraflores ist weiß, westlich, amerikanisiert. Die aufstrebende Klasse scheint den Sprung in die Zivilisation und in den Wohlstand allerdings in Quantensprüngen zurückgelegt zu haben. Dabei ist das unmenschliche Gehirn mit der Geschwindigkeit der Entwicklung nicht mitgekommen. Die Hundebesitzer leben in dieser Stadt ihre Individualität durch ihre Hunde aus. Pudel sehen unecht Perwoll-gewaschen aus. Da die modernen Züchtungen das Scheißen immer noch nicht ausgemerzt haben, werden den Hunden mit Papiertüchern ungeniert die Ärsche abgewischt. Bei 20 Grad Celsius gibt es keinen Hund, der nicht irgendein Mäntelchen trägt, welches die moralische, gesellschaftliche und soziale Gesinnung des Herrchens widerspiegelt. Die Krönung des Modetrends bilden die passenden Schühchen, damit der Stadtdreck an den Schuhen und nicht an der weißen Couch hängen bleibt. Die lässige Evian-Wasserflasche gehört wie ein Assessior zu den Ehefrauen, wie der Goldschmuck oder der Stadtgeländewagen. Die Wichtigkeit der Personen wird in Lima durch die Höhe der Mauern um den Besitz, die Raffinesse des Stacheldrahts und der Glasscheiben auf der Mauer und durch die Häufigkeit der Alarmanlagesirenen bestimmt. Beim Öffnen der Garage, beim Rückwärtsfahren des Autos, beim Parken des Autos piepst und jault es wie beim Feueralarm in bundesdeutschen Schulen. Immer springt irgendeine Alarmanlage an, selbst wenn nur der vorbei fahrende Bus zu kräftig hustet. Der permanente Geräuschpegel hängt über Lima, wie die neblige Dunstglocke acht Monate im Jahr.
Allerdings ist Lima eine Stadt, die aus "westlicher Sicht" alles hat. Der kaputte Macrechner wird nicht wochenlang zur Reparatur eingeschickt, sondern innerhalb eines Tages wieder flott gemacht inklusive aller Programme und kostenlosen Lizenzen. Die europäische Salami schmiegt sich in den Edelsupermärkten wie "Vivanda" ebenso an den europäischen Käse, wie das deutsche Sauerkraut an die Lindt-Schokolade.
Aber Lima besteht nicht nur aus neu gebauten Nobelvierteln, sondern auch aus dem historischen Zentrum, welches wirklich überraschend schön ist. Quirlig in den Seitenstraßen, geschichtlich bedeutend und interessant zum Durchschlendern. Und dort im Zentrum gibt es sie tatsächlich noch, die Bar Cordano, neben dem Regierungsgebäude. Eine Bar, wie sie in keiner Weltstadt fehlen darf. Mit hinkenden alten Kellnern, die ihre Großväter bereits in diese Bar begleiten durften. Die durchgescheuerten Anzüge der Kellner umschweben die kleinen dünnen Persönchen und verdecken doch nicht das leichte Zittern beim Servieren. Eigentlich möchten man beim Anblick die Rollen tauschen, den Kellern auf einen Stuhl setzen und selbst das Tablett mit den Kaffeetassen schwingen. Die endlos hohen Wände beherbergen noch höhere Schränke, voll gestopft mit vielen exotischen Schnapsflaschen, die nur über eine klapprig kurze Leiter zu erreichen sind. Die verblassten Muster in den alten Bodenfliesen zeigen die Laufspuren der Besucher, die in den vielen Jahrzehnten hier ihr Getränk oder auch nur ein nettes Wort gefunden haben.
Im krassen Gegenteil zu der beseelten Bar steht das seelenlose Vorzeigeprojekt im Nobelviertel Miraflores, das "Lacomar". Ein Einkaufszentrum nach amerikanischen Vorbild, aufwendig in den Hang mit Pazifikausblick gebaut und so austauschbar wie die meisten "Malls" auf dieser Welt. Eine völlig überteuerte Fressmeile mit globalen Marken wie Mc Donalds, KFC und anderen Einweg-Wegwerfbuden ziehen den wohlhabenden Peruanern und westlichen Touristen das Geld aus der Tasche. Echte Havanna-Zigarren für den Vati und Goldschmuck für Mutti lassen hier ein richtiges Urlausgefühl aufkommen, in diesem eigentlich "unterentwickelten Land". Und wer noch nicht genug Geld in dem westlichen Einkaufstempel gelassen hat, der verliert es spätestens im nächsten Spielcasino um die Ecke. Überraschend viele Casinos gibt es in Lima für viele gelangweilte Menschen.
Aber das "Lacomar" bietet auch versteckte Kultur an. Versteckt deshalb, weil es eine Ausstellung im unteren Teil des Parkhauses gibt. Denn um den Weg in das Goldmuseum in Lima zu verkürzen, hat das Museum seine besten Ausstellungstücke in das Lacomar umziehen lassen. Eine didaktisch perfekte Ausstellung mit den schönsten Goldexponaten vergangener Andenkulturen, die eine Privatsammlung zu bieten hat. Nicht ein Museum oder eine Regierung hat die wunderschönen Goldfundstücke zum Kauf angeboten bekommen, sondern ein privater Sammler. Deshalb auch in Fachkreisen nicht ganz unumstritten und moralisch heftig diskutiert. Vielleicht ist Lima ja doch die Stadt der Könige...die Stadt der heimlichen Herrscher ohne Krone und Zepter.