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"Das heutige Gold von Peru- Machu Picchu"

Machu Picchu ist die moderne, goldene Kuh von Peru. Sie bzw. die Touristen werden gemolken und etwas Schlechtes darf über sie nicht gesagt werden. Alle Erwartungen vom neu erwählten "Weltwunder" müssen krampfhaft erfüllt werden, mögliche Enttäuschungen werden im Keim erstickt und über allem schwebt ein Hauch der vergangenen, esoterischen Energie. Nach dem Weltwunder Chichen Itza in Mexiko stapeln wir die Erwartungen tief, obwohl der Weg zum "alten Berg" keine antiken Preise, sondern neue globale Einheitspreise aufruft und damit die Erwartungen schon hoch schrauben könnte. Die peruanische Währung Sol scheint für das touristische Epizentrum um Machu Picchu herum und der alten Inkastadt Cusco aufgehoben und durch den US-amerikanischen Dollar verdrängt zu sein. Aber was nix kost, ist auch nix, oder?
Wir verwerfen den Plan eine organisierte Wandertour zu buchen, als wir vom Inkatrail mit 500 Personen pro Tag hören und die terminlich nicht so ausgebuchten Touren zu ähnlichen Massenveranstaltungen mutieren. Als wir in der alten Inkastadt Ollantaytambo die Abfahrten der Inkatrail-Teilnehmer sehen, vergeht uns der letzte Rest des Respekts und große Verachtung löst unsere Gefühle ab. Die zahlenden Teilnehmer tragen ihren 2-Kilo Rucksack und ihre Wanderstöcke. Die indigenen Träger erinnern an die Fotos vom Chilkoot-Trail (Goldrausch in Alaska und Yukon), wo der gebeugte Rücken im Winkel von 90 Grad die restlichen 50 Kilo schleppt. Die Ausbeutung der Indigenas durch die weißen Touristen scheint sich im modernen Peru fortzusetzen. Menschenwürdige Arbeitsbedingungen interessieren hier niemanden, wenn nur der eigene Preis stimmt.
Wir fahren mit unserem Backpacker-Zug von Ollantaytambo in den Ort Aquas Calientes ein. Nicht der Bahnhof ist der Ankunftsort, sondern der trostlose Bahnsteig, der aus Souvenirshops und Restaurants besteht. Beim Einfahren streifen wir haarscharf Postkartenständer, Tischbeine und Herumstehende. Die unteren Etagen der Restaurants und Hotels dieses hässlichen Örtchens gaukeln eine schöne Fassade vor. Die höheren Etagen sind schmucklose Baustellen, denn Bauplätze sind Mangelware und die Höhe scheint grenzenlos zu sein. Jeder will ein Stück der touristischen Sahntorte abbekommen und vermietet das "letzte" und sogar "allerletzte Loch".
Um den Massen zu entkommen und das letzte Fünkchen Natur zu spüren, wandern wir von Aquas Calientes mit unseren Stirnlampen zum Einstieg der Treppen, die sich über 3 Kilometer nach Machu Picchu schlängeln. Die Illusion alleine oder mit wenigen dieselbe Idee zu haben, zerschlägt sich schon nach wenigen Metern. Nach 1,5 Stunden sitzen wir schweißnass auf den Eingangsstufen und teilen die Einsamkeit mit anderen 40 Backpackern. Ach, die heißen heute ja Traveller (wie lächerlich). Wir reißen den Altersdurchschnitt mächtig in die Höhe. Die allgegenwärtige "Traveller-alles-ist-geil" und "große-Party-Stimmung" will irgendwie nicht aufkommen. Der herum gereichte Joint schmeckt um 5 Uhr morgens nach einer durchzechten Nacht irgendwie doch nicht. Und er angebotene Pisco wird erst gar nicht an die Lippen gesetzt. Um 6 Uhr werden wir und 100 andere Wartende in eine Warteschlange verwiesen und können noch vorm Eintreffen der ersten Touristenbusse auf das Gelände rennen. 400 Tickets auf den Wayna Picchu gilt es zu ergattern. Bei dem Anblick der rennenden Massen, wie beim Karstadt-Winterschluss-Verkauf in den 90er Jahren (hier fehlen nur die Muttis mit Kopftüchern) verwerfen wir unseren ursprünglichen Plan und biegen schlendernd nach links zum Wärterhäuschen ab. Die Schwalben kreisen über uns hinweg, die Lamas grasen friedlich auf der Wiese und die Vögel erwachen mit ihrem Gezwitscher aus dem Tiefschlaf. 15 Minuten spüren wir tatsächlich mit einer anderen Familie die besondere Atmosphäre von Machu Picchu. Weit entfernt sehen wir die Wartenden vorm Eingang des Wayna Picchu, haben den schalen Alkoholgeruch der "Traveller" vorm ersten Eingang noch in der Nase und sehen uns Machu Picchu alleine von oben an. Als würden wir eine alte Bekannte sehen, denn das Motiv aus dieser Perspektive ist wohl das bekannteste, was die Hochglanzprospekte zum Vermarkten von Perurundreisen zu bieten haben. Ohne den Hintergrund des Wayna Picchu ist die Ruinenstadt schon wieder austauschbar und beliebig.
Am späten Vormittag rauschen die vielen Reisegruppen und weitere Züge aus Cusco ein. Die wissenschaftliche Unwissenheit über Machu Picchu lässt schaurige, frivole und reißerische Geschichten aus den Mündern der Führer entspringen und das spätere Trinkgeld in die Höhe schnellen. Ob es nun eine Festung zum Schutz vor Amazonas-Stämme, die Sommerresidenz der Inka-Herrscher, Landeplatz für Außerirdische oder der Sitz der Priesterinnen war, ist jeweils Auslegungssache der Führer.
Wir winden uns durch die Anlage und spüren im Rücken die touristische Druckwelle, die unseren Gang ein bisschen schneller werden lässt. Aber es gibt trotz alledem viele Wege, Gebäude und Ruinenabschnitte auf dem großen Gelände, wo man sich alleine fühlt. Esoteriker spüren heute angeblich genauso die Kraft, wie Yogalehrer mit nacktem Oberkörper oder Schamane mit Inkastammbaum. In die Realität holen einen dann schnell die menschlichen Gerüche des starken Ammoniaks ein. Auf dem gesamten Gelände gibt es nicht eine Toilette und so verrichten die Touristen ihre Notdurft in den alten Räumen der Inkas. Sowieso wundern wir uns über die wenigen "offiziellen Aufpasser". Ab und zu hören wir eine Trillerpfeife und ein Sicherheitsmann sprintet in Richtung Touristen, die auf einer Mauer abseits der Trampelpfade "chillen" oder ihren Rausch ausschlafen wollen. Aber die wenige Bewachung gibt uns schon fast den Eindruck, dass es nichts Wichtiges zu bewachen gibt. Komisch, oder? Und die Diskussion, ob man die Besucherzahl reduzieren muss, weil die gesamte Anlage absackt, ist wohl auch nur eine PR-Ente. Wir haben eher das Gefühl, dass irgendwann eine Glocke mit Flutlichtbeleuchtung über die Anlage gebaut wird, damit nachts auch noch Besucher für den Eintritt bezahlen können und das Inka-Urlaubserlebnis ohne Wetterkapriolen zu genießen ist. Auf dem Rückweg auf den Treppen nach Aquas Calientes begegnen wir dann keinen Backpacker mehr, sondern peruanische Familien. Bei 5,25 Dollar für den Bus pro Person und Weg muss sich die älteste Oma mit ihrer Familie aus Budgetgründen den beschwerlichen Weg zu Fuß nach oben schleppen.
Die alten Inkas haben mit Machu Picchu etwas besonders geschaffen. Aber die Nachfahren dieser Hochkultur (oder sind es die Nachfahren der Spanier) hinterlassen an diesem Ort einen bitteren Beigeschmack der Abzocke und sind nicht nur spirituell von den "Söhnen der Sonne" (Inkas) kilometerweit entfernt, sondern auch von der Kundenzufriedenheit der weltweit angereisten Touristen.
Am nächsten Tag wollen wir unsere Perspektive auf Machu Picchu noch einmal verändern. Wir steigen die 1700 Stufen (irgendjemand hat sie wohl mal gezählt) und Leitersprossen auf den Putucusi rauf. Der "fröhliche Berg" liegt der archäologischen Ausgrabungsstätte gegenüber, ist gratis zu besteigen und bietet einen sensationellen Blick. Die Busse schlängeln sich die vielen Windungen den Berg nach Machu Picchu hoch; die Anzahl der Terrassenanlagen ringsherum lässt sich noch besser erkennen; die vielen bunten Punkte auf der gegenüberliegenden Seite sind Touristen. Die Wolken im Nebelwald steigen hoch, ziehen sich über die Berge und lassen Machu Picchu für einen kurzen Augenblick erkennen. Gestehen sich die heutigen Touristen in Machu Picchu ihre Enttäuschung ein, weil das Wetter einfach schlecht ist und dafür dann doch alles zu teuer ist? Wir haben einen Riesenspaß alleine auf dem Gipfel des Putucusi, tanzen unseren Wolkentanz und machen es den Esoterikern nach. Die vielen Kilometer Stufen lassen uns kindisch werden, aber auch den Machu Picchu-Wahnsinn mit mehr Humor und Gelassenheit ertragen. Das ist wohl der ganz normale Wahnsinn, den Urlauber in ihrer "schönsten Zeit" des Jahres auf sich nehmen. Ein besonderes Erlebnis ist Machu Picchu. Aber zum Glück ist das nicht „das Peru“. Sowenig wie Lederhosen, Sauerkraut und Oktoberfest Deutschland sind.

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