10   9 7
1
>
> Home > Wohin > Peru > Mond
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

"Selbst der Mond und der Pazifik vertreiben die Schwermut nicht

Einige Völker in Peru "beten" die Sonne an, andere den Mond. Beim Küstenstreifen südlich von Lima scheint kein Gott jemals ein Fünkchen Interesse oder besondere Kreativität in die Evolution gelegt zu haben. Wir verlassen die Stadt Lima im Regen in Richtung Süden. Bei der hoch dotierten Formel 1 würden die Reifen der Peruaner Slicks heißen und einen echten Wettbewerbsvorteil erhaschen. Im regengrauen Lima schießen die Autos mit ihren abgefahrenen Reifen unkontrolliert über rote Ampeln und auf befahrende Straßenkreuzungen zu. Die dreckige Luft Limas scheint für wenige Stunden eine Art "Großreinetag" zu erfahren. Allerdings nur die verdreckte Luft. Denn das Ergebnis sehen wir an unserem Camper in schwarzen Rinnsalen herunter laufen. Wie eine viel zu stark geschminkte Frau, die ungehemmt ihre millimeterdicke Wimperntusche in Tränen zerlaufen lässt. Der Asphalt überzieht sich in Sekunden mit einem glitschigen, dunklen Trauerflor.
Nur 20 Kilometer außerhalb Limas erblicken wir die ersten Anzeichen von blau am Himmel. Die Einwohner von Lima scheinen sich ihr besonderes Wetter jeden Tag von neuem schön zu reden. Aber der graue Himmel, der 8 Monate im Jahr kräftig auf das Gemüt schlägt, ist nun mal Fakt. Grau ist grau, da hilft die milde Temperatur nur bedingt als Antidepressivum.
Schwermut hängt jedoch nicht nur von der Farbe des Himmels ab. Südlich von Lima an der Küste des Pazifiks ist trotz Sonne eine morbide "Endzeitstimmung" angesagt. Die Wüste bildet keine schön anzusehenden Dünen und weiche Linien wie in der nördlichen Wüste, sondern Tristesse und schiere Fassungslosigkeit. Selbst die Bezeichnung "Arsch der Welt" ist noch eine schmeichelnde Umschreibung für diesen Küstenabschnitt. Auch die Werbeindustrie scheint hier ihren Übermann in Sachen Vermarktung gefunden zu haben. Wie einsame Drahtskelette stehen Hunderte von Werbeflächen ohne bunte Werbung, geschweige denn Einnahmen an der Straße und warten auf Kunden. Sonderpreise sind wirkungslos. Und so zerlegt der raue Pazifikwind die schön gedachten und überdimensionierten Plakatflächen Stück für Stück. Langsam, aber stetig.
Über jeden noch so unattraktiven Landstrich auf unserer Reise konnten wir versöhnliche Worte finden. Aber an dieser Küste scheint die Welt stehen zu bleiben. Menschen könnten hier einen geeigneten Ort finden, um sich oder andere umzubringen. Die trostlose Stimmung wird verstärkt durch einfallslose Feriensiedlungen, die bei uns keine rechte Urlaubsstimmung aufkommen lassen. Die farblose Öde der Landschaft wird alle paar Kilometer durch einen bunten Fleck aufgehellt. Eine überdimensionale Einfahrt mit Wachpersonal schlängelt sich kreativlos zu noch unkreativeren Häusern. Alle in der gleichen Nicht-Farbe, im gleichen Bau-Unstil und mit scheinbar den gleichen Gärtnern. Das diese Wohnanlagen die meiste Zeit des Jahres verwaist und seelenlos in der Gegend herum stehen, scheint niemanden die Lust am Urlaub zu vermiesen. Wir denken an unsere kleinen und großen Geschäfte, die wir in Lima in die Keramikschüssel verrichtet haben. Die Chance unsere verdaulichen Überreste noch einmal im Leben wieder zu sehen sind vor Limas Küste im Humboldtstrom hoch. 90% der Abwässer dieser 8 Mio. Stadt gehen ungeklärt in den Pazifik, in den Fluss, in Nachbars Garten oder wo auch immer hin. Ein echtes Badeparadies für naive Touristen, die den deutschen Hausarzt nach der Rückkehr aus dem Urlaub vor rätselhafte Symptome stellen.
Mit entsprechender Entfernung zu Lima nehmen die Bungalows ab und die nächsten Unterkünfte tauchen am Küstenstrand auf. Der bestialische Gestank, der den Duft des Meeres verdrängt, würde den alten Göttern glatt die Tränen in die Augen steigen lassen. Die durchnummerierten Plastikbaracken beherbergen Tausende von Hühnern und unser Appetit auf Geflügel sinkt ins Bodenlose. Die hohen Silos für Wasser und Futter zeigen traurig, dass sich hinter den dunklen Plastikfolien noch lebende Kreaturen befinden. Zerrissene Folien lassen einen kurzen Blick auf die Käfige zu. Ein Grashalm passt nicht mehr zwischen die Tier und die Enge hält wohl die Tiere davon ab, einfach auf der Stelle umzufallen. Unsere in Deutschland verzehrten Viecher, importiert aus Thailand, werden wohl keine andere Geschichte erzählen können.
Aus unserer Wüstenlethargie werden wir erst durch das Cañete Valley mit seiner grünen Landwirtschaft gerissen. Mit den ersten Felsformationen verschwindet unsere Küstendepression und die Natur bietet alle Farben und Formen auf, um das Gesehene schnell wieder abzuschütteln. Mit jedem Kilometer, der sich ins Landesinnere in Richtung Nasca schlängelt, erwacht die Freude auf Peru und auf neu zu entdeckende Landschaften. Aber das sind wieder andere Geschichten, die dieses aufregende Land Peru uns zu erzählen gibt.

8
  5
2 4
3 11   6 12