"Mauselöcher, durch die riesige Reisebusse fliegen"
Unser Ford mit seinem Huckepack-Camper schnurrt wie ein zahmes Kätzchen auf der nördlichen Panamericana entlang der peruanischen Küste. Kurz vor der fischig stinkenden Stadt Chimbote biegen wir links auf die "Straße 12" ab. Unsere schwer gefundene Straßenkarte (es scheint hier im Land keine Nachfrage zu bestehen...) vom peruanischen Autoclub verspricht uns eine durchgängig gut befahrbare Straße. Andere Reiseführer werden konkreter und sprechen von "very rough". Die ersten 100 Kilometer führen einsam entlang des Flusses Santa durch grüne Täler. Blumen scheinen ihre Kraft in jede einzelne Blüte zu stecken, damit der daraus gewonnene Farbstoff unser Fleisch durch Futterzusätze schmackhaft rosig aussehen lässt. Farbenfrohe Chilis trocknen auf ausgebreiteten Matten in der Sonne. Der Wasser spendene Fluss scheint immer mal wieder einzelne Fleckchen in der ausgedörrten Landschaft in grüne Oasen zu verwandeln. Die Einheimischen kämpfen um jeden zu bewirtschaftenden Zentimeter Boden und die wenige Vegetation verwöhnt unsere Auge allerdings mit wunderschönen Erdfarben, hohen Kakteen und wild herum flatternden Schmetterlingen.
Nach 100 Kilometern ab dem Abzweig von der Panamericana stoppt uns ein polizeilicher Schlagbaum. Nach dem freundlichen Durchwinken folgen wir wie selbstverständlich der Teerstraße über eine marode aussehende Brücke. Unter unseren 4 Tonnen ächzen die verrosteten Nägel und das alte Holz scheint sich aufzubäumen. Leider haben wir uns zu früh über das Erreichen des Brückenendes gefreut. Der Polizist schreit aus voller Kehle, dass wir falsch abgebogen sind. Also wieder zurück und das Quietschen der Brücke als Ansporn für das kommende Stück Piste sehen, denn der kommende Schotterweg bremst unsere Fahrt abrupt von 80 km/h auf ganze 5 km/h runter. Und das Schneckentempo sollen wir für die nächsten 2,5 Tage beibehalten. Normalerweise sieht man ja bekanntlich mehr von der Landschaft, je langsamer die Fahrt ist. Aber selbst bei langsamer Fahrt fällt dies schwer. Denn die Piste mag für leichte Geländewagen ein Klacks sein, aber bei unserem schweren Wagen ist jedes Kilo eine Qual. Der Wagen kriecht über jeden Stein, der mit der letzten Gerölllawine abgegangen ist. Ein Polizist stoppt uns mitten in der Schlucht mit dem Hinweis, dass letzte Nacht an dieser Stelle ein Lkw abgestützt sei. Die gesunde Logik hatte uns das schon vorher zugeschriehen, denn wenn die Straße nur 2,5 m breit ist und ein Lkw auch, dann ist der Spielraum zum Rangieren gleich null. Ingo hatte sich das Hinuntersehen von der Straße in die Schlucht zum Glück schnell abgewöhnt und das Wissen, dass unser Fahrzeug auch geschmeidige 2,5 m breit ist auch. Trotz der holprigen Piste fliegen bunte Reisebusse an zu vorbei und Mercedes scheint für diesen Härtefall nachgerüstet zu haben. Die Fahrgestelle biegen sich, hüpfen auf und ab und scheinen ihre komatösen Passagiere in den Schlaf zu schaukeln. Wir bleiben nur in ihren großen Staubwolken zurück und nehmen uns an unseren großen Brüdern kein Beispiel.
Die zwei Tage durch diese bergige Gerölllandschaft immer entlang des Flussbetts Santa entschädigen unsere staubigen Tage mit einer tollen Landschaft und skurrilen Dörfern. Bunt bemalte Häuser scheinen die Tristesse und die Einsamkeit vertreiben zu wollen. Andere wohnen in ihren Plastikverschlägen, arbeiten in den gefährlichen Kohlestollen und fristen ihr Leben. Die kohleschwarzen Männer kommen ab und zu aus ihren kleinen Löchern im Berg heraus gekrabbelt, um das Tageslicht wieder zu sehen, frische Luft zu atmen oder sich einfach an das Leben zu erinnern. Nur der schwarze Russ um den Einstieg in den Berg verrät, dass dort Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen.
Aber in dieser fast gottverlassenen Welt haben wir zwei deutsche Schutzengel immer in unserer Nähe. Unsere Urlaubsfreunde aus Hamburg in ihrem leichten Geländewagen geben uns das Gefühl, nicht in dieser staubigen Schlucht allein auf uns gestellt zu sein. Nachts campieren wir zusammen an wunderschönen Plätzen, haben gemeinsame Abendessen, können uns technische Tipps holen und fühlen uns mit ihnen in der Einsamkeit der Natur sicher. Nach unserem kompletten Ausraub in Kanada muss man dieses Gefühl erst wieder lernen und zulassen.
Am Ende des Santa Tals gehen die Andenberge in die Entenschlucht (Cañon del Pato) über. Diese einspurige Piste wird von beiden Seiten befahren und führt durch 35 Tunnel (da wir mit dem Fahren so sehr beschäftig waren, haben wir sie nicht gezählt). Diese alte Eisenbahnstrecke lässt uns kurzfristig noch einmal stutzen, ob die angenagten Mauselöcher, hier werden sie Tunnel genannt, tatsächlich für unseren Camper inklusive Skibox passend sind. Die bunten Lackspuren der Lkw und Reisebusse beweisen, dass diese auch durchpassen. Wir hupen also laut Anweisung vorm Einfahren in die Tunnel und hoffen, dass keiner entgegen kommt. Und hupen eigentlich die gesamte Fahrt durch den Tunnel weiter, denn der Lärm scheint auch irgendwie die Bedenken und die leichte Angst zu vertreiben. Müssen wir erwähnen, dass diese "puristischen" Felstunnel nicht beleuchtet sind? Zur Dunkelheit kommt auch noch die dicke Staubschicht, die von den vorherigen Fahrzeugen hartnäckig im Tunnel hängen bleibt. Nur als uns ein großer Lkw mit Schwung aus dem Mauseloch entgegen schießt, schnellt unser Adrenalin ebenfalls in die Höhe. Der peruanische Lkwfahrer findet im Gestrüpp an der Felswand allerdings ein unsichtbares Schlupfloch, fährt Millimeter an uns vorbei, hupt freundlich und ist auch schon in der Staubwolke verschwunden. Und mit dem ersten Stück Teerstraße kurz vor Caraz ist für uns die Anspannung der Fahrt, die Sorgen um unser Auto, die unterschwellige Höhenangst und die Gefahr der massiven Gerölllawinen auch schon wieder aus unserer Erinnerung verschwunden. War doch alles gar nicht so schlimm, oder?