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"Im Titicacasee schwimmt viel herum- halb verrottete Inseln und die längst vergangene Urokultur"

Wir nehmen von Puno aus ein Colectivo. Ein Sammeltaxi-Boot also, was nicht nur devisenstarke Touristen befördert, sondern auch Gasflaschen, Reissäcke, Eierstiege und alles Notwendige fürs Leben. Wenige Minuten vom Seeufer entfernt schwimmen die 40 - 80 (keiner weiß es so genau, und ab und an geht auch eine unter) kleinen Totura-Schilfinselchen mit ihren darauf lebenden Menschen. Diese abgespeckte Variante der romantischen Hausbootbesitzer hat nicht aus sentimentalen Vorstellungen ihren Wohnsitz auf den See verlegt, sondern schon vor Hunderten von Jahren auf der Flucht vor kriegerischen Collas und Inkas. Die Idee ist genial wie simpel umgesetzt. Das am Ufer wachsende Schilf wird immer wieder auf die "Wohnoberfläche" gelegt, wobei das im Wasser liegende Schilf langsam verrottet. Übrigens, den Stamm der Uros gibt es nicht mehr. Denn durch die Heirat mit anderen wurde diese Urkultur langsam verdrängt. Ob sich die chinesische Regierung dieses Prinzip für Tibet von den Uros abgeguckt hat?
Wir legen also mit unserem kleinen Boot an einer der Inseln an und staksen wie die Störche im Salat. Die unförmig aussehenden, einheimischen Frauen zeigen nicht nur ihre übergroßen Bommel aus bunten Fäden am Ende der schön geflochtenen Pferdeschwänze, sondern auch ihre strammen Waden. Kein Wunder, bei dem tagtäglichen Gang. Wir fühlen uns an unsere Kindheit auf dem Heuboden zurück erinnert und staksen leichtfüßig hinterher. Wir sind erleichtert, dass uns keine deutsch, französisch oder englisch singenden Kinder empfangen. Das scheint der Massentouristenstandard zu sein. Dies und das peinliche Mitsingen bleiben uns zum Glück erspart. Wir bekommen eine didaktisch perfekte Erführung in das Inselleben präsentiert. Wäre es dunkel gewesen, wäre wahrscheinlich ein kleiner summender Beamer mit einer Powerpointpräsentation angesprungen. Die Solaranlagen stehen auf jeden Fall schon neben den primitiven Hütten aus Schilf bereit. Große Schilfboote lenken unsere Aufmerksamkeit von der Erzählung ab, weil Touristen das volle Disneyland gebucht haben und auf Schilfbooten ihre Abenteuerlust ausleben. Mit dem kleinen Unterschied, dass es in Disneyland kleine quietschende Tretbootenten sind. Die perfekt präsentierte Urowelt bekommt beim Ablegen unseres Bootes dann doch noch einen kleinen Riss an der ach-so-perfekten Vermarktungsoberfläche. Die versperrte Schilfhütte mit der leeren Bierkiste an der Rückseite spuckt torkelnde Indigenas aus. Das wohlverdiente Feierabendbier wird hier wohl in den frühen Morgenstunden vertilgt und der im Reiseführer verkündete traditionell Vogel- und Fischfang auf später vertagt. Und ein Schnäpschen am Morgen vertreibt bekanntlich Kummer und Sorgen. Wenn das mal so ist?

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