"Beim Sonnenaufgang fahren wir mit Rodrigos Pickup-Trucks"
auf der alten Kopfstein gepflasterten Panamerica in das Dorf der letzten "Hieleros" unterhalb des Chimborazo. In illustrierten Büchern im Buchladen und in Artikel unserer Reiseführer haben vom Beruf der "Hieleros" erfahren. Wir erinnern uns an den Satz im Reiseführer, dass in besonderen Bars in Riobamba coole Cocktails mit fossilem Chimborazo-Eis serviert werden. Wir besuchen also mit Rodrigo diese "coolen Eisminenarbeiter" und sind von der Armut ergriffen. Was auch immer über diesen Beruf romantisch beschrieben wird, es ist eine Lüge. Die Realität ist leider die, dass es viele Bücher über sie gibt, aber kein Dollar vom Verkaufspreis, geschweige denn nur ein Gratisbuch bei ihnen gelandet ist. Sie sind arm und von den vielen Hieleros in der Vergangenheit gibt es mittlerweile nur noch einen und das ist Baltazar. Baltazar ist mit seinen 64 Jahren ein Energiebündel und überholt uns winkend mit seinen Eseln auf dem Weg in 4800m Höhe. "Traffic jam" lacht Rodrigo und schlängelt sich im Dorf durch die vielen Esel, Kühe, Schafe und Schweine. Alle kostbaren Tiere werden nachts von den hoch liegenden Feldern ins Dorf zurück getrieben. Später treffen wir eine kleine Dorfgemeinschaft, die auf der Suche nach Viehdieben ist. Wir teilen unsere Brötchen mit ihnen, die hungrig auf der Suche nach ihren Kühen am frühen Morgen aufgebrochen sind und ihre Waffe griffbereit geschultert haben. Die Art der Bestrafung würde bei uns Selbstjustiz heißen, hier heiß sie "gerechte Strafe" und wird stillschweigend praktiziert.
Langsam atmend wandern wir bis zu seiner Eismine auf 4800 m Höhe. Das fossile Eis ist nicht der Ausläufer eines Gletschers, sondern liegt unter dem Geröll des Berges und muss wie im Bergbau frei geräumt werden. Baltazar spricht nicht während er mit seiner Spitzhacke auf die Eisschicht einschlägt. Er atmet rhythmisch, bewegt seinen gesamten Körper wie einen Ambos und wirkt wie in einem Trancezustand. Der Schweiß rinnt ihm von der Nasenspitze. Jeder Handschlag sieht wie gewollt aus und ist seit 50 Jahren immer der gleiche. Er arbeitet drei pausenlose Stunden an seinen sechs Eisblöcken. Seine rauen Hände, die ohne Handschuhe arbeiten, sehen von der Kälte starr und gekrümmt aus. Die geschenkten Handschuhe von Rodrigo liegen zu Hause und werden geschont. Für welchen Zweck bloß? Seine Anstrengung in der eisigen Kälte können wir nachempfinden, kuscheln uns noch weiter an seine Esel, die ein wenig Wärme verbreiten und uns vor dem schneidenden Wind und dem Hagel schützen. Baltazar trinkt nicht und isst nicht. Er gönnt sich keine kurze Pause zum Verschnaufen. Wir müssen an seinen tranceartigen Arbeitsstil denken. Möglicherweise darf er bei dieser schweren Arbeit einfach nicht denken oder sie unterbrechen, denn dann würde er vielleicht aufhören und nie wieder damit beginnen, so wie seine Brüder oder die anderen Hieleros. Schweigsam und mechanisch schlägt er 30 Kilogramm schwere Eisblöcke heraus. Das mitgebrachte Gras wird wie ein Spinnennetz ausgeschüttelt und verpackt die Eisblöcke auf magische Weise. Warum so? Weil die Natur es für ihn gratis zur Verfügung stellt. Warum er diese Art der Arbeit macht, fragte einmal eine französische Touristin? "Leicht verdientes Geld" antwortete Baltazar lächelnd. Ob sie seine Ironie verstanden hat?
Baltazar belädt seine drei treuen Esel mit jeweils zwei Eisblöcken und führt sie am späten Nachmittag wieder in Richtung Tal. Zweimal in der Woche zwischen seiner normalen Feldarbeit holt er sich das eisige Gold des Berges, um 2 bis 3 Dollar pro Block am Samstag auf dem Markt in Riobamba zu verdienen.
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