"Die ecuadorianische Carretera Panamericana - das Gefühlschaos eines Autofahrers"
Die verbindende Ader des Landes ist die von Nord nach Süd verlaufende Carretera Panamericana. Ihre Abschnitte sind so unterschiedlich wie die Geographie des Landes und diese kitzeln alle Gefühlregungen aus uns heraus, die man als deutscher Autofahrer auf ecuadorianischen Straßen erleben kann. In den dicht besiedelten Gebieten von Quito bis Riobamba ist die Hauptverkehrsstraße größtenteils Abgas verseucht und es herrscht so dicke Luft, dass die wunderschönen Vulkane in ihr verschwinden. Leute gehen auf den schmalen Randstreifen ebenso wie Kühe, Pferde oder Schafe. Das wäre nicht dramatisch, wenn dieser Streifen nicht ständig auch von Autos oder Lastwagen als Überhol- oder Ausweichspur genutzt werden würde. Dann hilft nur noch der rettende Sprung ins Grüne oder der Verlust eines Außenspiegels. Südlich von Riobamba verschwinden die dicht besiedelten Städte und mit ihnen die vielen stinkenden Autos und leider auch der brauchbare Teerbelag. An einigen Stellen schlängeln wir uns von links nach rechts und fühlen uns wie besoffene Autofahrer, die hilflos ihren Weg suchen. Dafür atmen wir wieder frische Luft ein und genießen die sanften Andenhügel mit ihrem im Wind wehenden Pampasgras. Sehen farbenfrohe Schluchten, die sich unwirklich tief ins Land gegraben haben und scheinbar in den Malkasten der Braun- und Grünfarbtöne gefallen sind.
Ecuadors Schönheit ist eindeutig in der Natur zu finden. Wer "schöne Städte" in diesem Land sucht, der sollte schnellstens wieder in den Flieger nach Europa steigen und dort seinen schaumigen Cappuchino oder seine trendige "Latte" auf einem schattigen Marktplatz trinken. Zugegeben, Cuenca und die Altstadt von Quito sind vergleichsweise schöne und charmante Städte, aber mit nichts in Europa zu vergleichen. Alles ist relativ und die Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters, aber hier ist nichts schön zu reden oder zu interpretieren. Also einfach hinnehmen, dass Ecuador immer noch ein Entwicklungsland ist und selbst wenn Geld und Zeit vorhanden sind, dann wird für "Schönes" nicht die Energie verschwendet. "Familie Flodder" grüßt an jeder Ecke, bei "Hempels unterm Sofa" kann es nicht schlimmer aussehen und teilweise fragen wir uns, ob die Müllhalde vorm Haus, im Haus oder ob alles irgendwie zum Müllhaufen dazu gehört. Irgendetwas scheint die Menschen, selbst wenn sie nicht arm sind, abgestumpft zu haben. Die Motivation und der eigene Antrieb sind so gering, wie die Korruption in allen Bereichen in Ecuador groß ist. Die Bevormundung und Unterdrückung in der Geschichte hat wahrscheinlich und verständlicherweise sein übriges dazu getan.
Aber an der Panamericana durch das Land finden wir kulturelle Schätze wie die indigenen Märkte in Guamote, Riobamba oder Saraguru. Sie sind so untouristisch, dass wir Touristen in der Masse verschluckt werden oder ein wenig skeptisch beäugt werden. Die Kinder sind die Ehrlichsten und starren uns ganz offen und neugierig mit ihren großen Augen an. Dabei treffen ihre braunen Kinderaugen auf unsere blauen/grünen Augen und spätestens dann durchbricht das Lächeln die kulturelle Barriere auch ohne Worte. Oder die Welt tickt richtig, wenn wir zur Abwechslung mal das Fotomotiv sind und von den Indigenas beim Biertrinken in der Dorfkneipe fotografiert werden.
Die Straße durch das Land schlängelt sich teilweise wie eine Python mit heftigen Koliken. Oft folgt auf brutale Steigungen das extreme Gefälle ins Nichts. Keine teuren Tunnel oder Brücken bügeln die Anden für das komfortable Reisen glatter. Wahrscheinlich sind die alten Eselswege aus der Vergangenheit irgendwann verbreitert worden und nun scheint eine neue Technik gegen das Wegschwemmen in der Regenzeit gefunden zu sein, das Betonieren. Wir fühlen uns heimisch wie auf der Transitstrecke nach Berlin: rhythmisches klack-klack-klack im Sekundentakt bei jeder Betonfuge. Bergauf kocht das Getriebeöl, bergab stinken die heißen Bremsbeläge. Rücksicht auf die marode Technik der tonnenschweren Lastwagen oder uralten Autos, die pfeilartig ins Tal schießen oder sich ächzend himmelwärts quälen, wird hier nicht genommen. "Nur die Harten kommen in den Garten" und für uns schon ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch in den südlicheren Andenländern kommen wird.
Zum Glück bleibt uns bisher auf unserer 3-monatigen Fahrt der Anblick auf schwere Unfälle oder die Erst-Hilfe am Unfallort erspart und wir glauben naiv, dass die chaotischen Fahrer irgendwie doch einen Schutzengel, die Jungfrau von Guadalupe oder die Heilige von Cisne als beschützenden Beifahrer neben sich sitzen haben. Dann werden wir allerdings von unseren Feuerwehrmännern, bei denen wir zwei Nächte in Guamote verbringen, unsanft wieder in die Realität zurückgeholt. Wenn es Unfälle gibt, dann gleich mit Schwerverletzten und Toten, denn laut Gesetzt muss nur der Fahrer einen Sicherheitsgurt benutzen und selbst der fehlt immer. Diese schweren Unfälle passieren meistens nachts, wenn die Schutzheiligen den Schlaf der Gerechten träumen und ihre Schäfchen alleine fahren lassen und wir ganz sicher niemals Autofahren würden. Nachtfahrten gab es für uns schon nie in Kanada, wo Elche nachts oder in der Dämmerung tonnenschwere Hindernisse bilden. Nicht in Mexiko, wo die unsichtbaren Bodenschwellen uns bereits bei Tageslicht in den Himmel katapultierten. Und bestimmt gibt es keine Nachtfahrt im Land der meisten Unfälle und der schlechtesten Autofahrer in ganz Südamerika.
Das deutsche Auge, was an die kleine und große Kehrwoche im Schwabenland und an strenge Regeln gewöhnt ist, muss sich hier auf der Straße neu justieren. Nichts scheint unmöglich wie zum Beispiel Lkw, bei denen die vordere und hintere Achse mindestens ein Meter seitlich versetzt sind. Lkw-Räder eiern in ihren Radaufhängungen, dass einem beim Hingucken schwindlig wird und wir fluchtartig mit dem Überholmanöver das Weite suchen. Lange Moniereisen ragen wie Spieße meterweit von der Ladefläche und sind natürlich mit keiner roten Flagge gekennzeichnet. Sowieso scheint alles Transportable meterweise über alle Ränder und Ladeflächen zu hängen und irgendwie nie für das jeweilige Gefährt passend zu sein. Aber was nicht passt wird passend gemacht und wenn es nur der Blickwinkel und die persönliche Einstellung des Fahrers, seiner Mitreisenden oder aller Ecuadorianer sind.