"Alte Steine, illegal verhökerte Artefakte und das gegebene Indianerehrenwort"
Da sind sie wieder. Nach fast zwei Monaten Abstinenz sind wir wieder in ihren Bann gezogen. Steine! Alte Steine vergangener Zeit. Die bekannteste archäologische Ausgrabungsstätte der Inkakultur in Ecuador liegt nördlich von Cuenca in dem Ort Ingapirca. Die Fahrt von Tambo nach Ingapirca ist wieder mal anders als erwartet. Aber an einigen Ecken dieses Kontinents sollten wir uns eigentlich das Denken mittlerweile schon abgewöhnt haben und nur noch nach Instinkt handeln. Pfeile zeigen nach rechts. Meinen aber geradeaus. An dem neuen Bahnhof in Tambo zeigen Pfeile im "frischen Design" in Richtung Ingapirca und sind doch so kreativ, dass die Richtung der Pfeile nur noch zu erraten ist. Die Straße zu der wichtigsten Ausgrabungsstätte Ecuadors sieht ähnlich wie der Weg in den Cotopaxi Nationalpark aus, verlottert. Die einheimischen und ausländischen Touristen holpern durch tiefe Schlaglöcher und an hohen Bauschutt- und Müllhaufen vorbei. Am Ende dieser Straße überrascht uns allerdings die Ausgrabungsstätte, die schon von außen auch ohne Eintritt die Anlage überblicken lässt. Lamas mit ihren flauschigen, zimtfarbenen Jungen stehen als dankbares Fotomotiv vor dem Sonnentempel und sind nicht nur schön und landestypisch, sondern auch als Rasenmäher und Düngerstreuer sehr nützlich.
Im 15.Jahrhundert marschierten die Inkas von Süden her ein, wollten die hier lebenden Cañaris unterwerfen, Land erobern und siegreich weiter in den Norden vordringen. Aber das Leben war damals schon kein Wunschkonzert. Die Anlage von Ingapirca zeigt den Kompromiss, sozusagen den halben Sieg. Die Inkas errichteten zwar viele Bauten, aber schlossen die Cañaris mit ihren eigenen Bauten ein. Notgedrungen. Eine zweigeteilte und aus zwei Kulturen bestehende Ausgrabungsstätte ist das übrig gebliebene Resultat.
Auf die Architektur können die heutigen Ecuadorianer allerdings nur neidisch sein. Die Inkas bauten fugenlose Wände, die aus polierten Steinen bestehen. Nicht mal ein Haar oder ein Windhauch findet seinen Weg durch die Fugen. Die heutige ecuadorianische Bauweise ist eher grobschlächtig, so dass auch nach Fertigstellung noch immer ein frischer Wind und eine kleine Sau durch die Fugen passen. Die Mauern sehen ein wenig windschief aus und die Fugen wie löchriger Käse. Die alten Inkas bearbeiteten die Steine so haargenau, dass die Wände mörtellos sogar bis heute Erdbeben standhalten. Nur wie sie diese Technik geschafft haben, ist immer noch rätselhaft und ungeklärt.
Und dann führt uns der Weg nicht nur zur Ausgrabungsstätte, sondern auch zu einer alten "Hobby-Archäologin". Auf dem Weg zur "Cara del Inca", ein Felsen, der wie ein Gesicht wirkt (aus der Nase wachsen allerdings lange Haare), steht eine ältere Indigena am Fußweg und spricht uns an. Ob wir Amulette und andere Originale sehen wollen? In einer kleinen, staubigen Bretterbude liegen alte Tonscherben neben Colaflaschen im Regal. Sie öffnet eine Pappschachtel und einen alten Holzschrank und reicht uns zwei wunderschöne, rötliche Tonvasen. Vasen, die wir aus dem Anthropologischen Museum in Quito wieder zu erkennen meinen. Selbstbewusst nennt sie uns in ihrer staubigen Hütte den Preis für die beiden Vasen: 1.000 US$. Das fühlt sich so ähnlich an, als wenn du unter der Alsterbrücke in Hamburg von einem Obdachlosen eine goldene Rolex angeboten bekommst, selbstverständlich mit dem großen Indianerehrenwort der Echtheit und zu einem Schnäppchenpreis von 1.000 Euro. Der große Unterschied liegt aber auf der Hand. Die Ausgrabungsstätte befindet sich mitten im landwirtschaftlich beackerten Gebiet. Bauern pflügen in Zeitlupentempo mit ihren Ochsen den Boden um, und es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn die nicht im Laufe der Zeit alles Mögliche an wertvollen Dingen aus dem Boden graben und nicht ehrenvoll an die Museen herausgeben. In diesem korrupten Land würde die Vase wahrscheinlich eher auf dem Kaminsims eines Funktionärs oder im geheimen Kämmerlein eines ausländischen Sammlers landen als in der Museumsvitrine.
Bei so viel Selbstbewusstsein der Oma bleibt uns der Lachanfall im Hals stecken und wir übergeben ehrfürchtig die Schätzchen wieder in ihre Hände. Ob das wohl der Grund ist, warum hier in der Umgebung auffallend teure Häuser stehen? Bauern mit großen, landwirtschaftlichen Flächen, die alle eine staubige Bruchbude im Garten stehen haben und an Touristen Artefakte illegal verhökern? Ob die Dinge echt sind oder nicht. Irgendwann wird irgendwer der Oma, vielleicht auch erst der Tochter oder Enkeltochter diese Dinge abkaufen und bis dahin reicht der lange Atem der Oma ganz bestimmt. Charmant war sie auch ohne ihre Artefakte oder war sie gerade deshalb so entspannt charmant?