"Heiß, feucht, hässlich und untypisch - Guayaquil"
Das raubeinige Image einer Hafenstadt haftet an Guayaquil wie ein gut festgetretener Hundeschiss in einem tiefen Sohlenprofil. Ein wenig verrucht scheint das Image einer Hafenstadt eher sexy zu machen, aber gesichtslos und unsicher ist eher kontraproduktiv. Die Bewohner, die die schlechten alten Zeiten noch kennen, sind mittlerweile sogar stolz auf die Entwicklung ihrer Hafenstadt. Alles scheint relativ zu sein. Wir geben also dieser uncharmanten Stadt eine Chance. Und da wir zwangsweise für 10 Tage hier gestrandet sind, bleibt uns eh nichts anderes übrig und wir wollen das Beste daraus machen. Das Beste ist allerdings schnell gesehen, wie zum Bespiel die Leguane im Park Bolivar, der künstlich angelegte Boulevard, das verwaiste Anthropologische Museum und das augenscheinlich hochglanzpolierte Hafenviertel Las Peñas. Und zu der kaum übertreffenden Hässlichkeit, die bekanntlich subjektiv im Auge des Betrachters liegt, kommt das saunaartige Klima. Das gnadenlose Thermometer zeigt knappe 40 Grad Celsius an, die Luftfeuchtigkeit ist ecuadorianisch tropisch schwül. Selbst am Ende der Regenzeit im März ist der tägliche Aufguss wie aus Eimern vorprogrammiert. Kurzfristig verwandeln sich die Straßen in reißende Bäche und die kaum funktionierenden Abwassergullys mutieren zu Springbrunnen, deren Wasser braun und schlammig aus allen Poren sprudelt.
Unfreiwillig müssen wir den amerikanisierten Lebensstil der reichen Ecuadorianer in großen Einkaufszentren, die hier auch korrekt "Malls" genannt werden, und in Fastfood-Buden begegnen. Wohlhabend zu sein, scheint sich schlagartig auf der Körperwaage im hochschneller der Nadel wiederzuspiegeln. Mc Donalds ist im Vergleich zu heimischen Restaurant und Imbissen ein alltäglicher Luxus und die aufgedunsenen Kinder haben den Bodymassindex eines Erwachsenen bereits im Kindesalter erreicht. Aber sie dürfen hier stolz in überdimensionalen Kindergeburtstagsparadiesen ihren Ehrentag feiern und Teil der globalen Welt werden.
Wir wohnen zentrumsfern in einer privaten Pension, die einem Hochsicherheitstrakt gleicht. Die hohe Mauer ist zusätzlich mit Strom gesichert und die freundliche Nachbarschaft verstärkt ihr Ford Nox-Ambiente mit bunten Glasscherben auf deren Mauerrand. Die eigenen Autos werden nachts in die engste Ecke hinter der schützenden Mauer eingeparkt und die vielen Parkbuchten an der Straße erscheinen bei Dunkelheit wie leer gefegt. Die kleinen Tante-Emma-Läden lassen Tante Emma wie eine Gefangene hinter Gittern aussehen. Jede Kleinigkeit aus den Lädchen, Kopiershops oder Imbissen wird durch die Gitterstäbe gereicht und wir fragen uns, wer hier vor wem beschützt werden muss. Der Hinweis unserer lebenslustigen Pensionsmutter, außer ein paar Geldscheine im BH nichts Kostbares zur Schau zu tragen, folgen wir nach den ersten Raubgeschichten ungefragt.
Aber auch in dieser hässlichen Stadt Guayaquil gibt es funktionierende Nachbarschaften, die wir nach 10 Tagen gut kennen und schätzen. Wir begrüßen den Sicherheitsmann am Restaurant genauso selbstverständlich wie unsere Tante Emma oder unseren Imbissmann aus Israel mit Frau und Kind. Diese kleinen Oasen brauchen wohl selbst die Einheimischen, denn die größte Stadt Ecuadors quält mit vielen nervigen Eigenheiten, wie zum Beispiel der Verkehr. Der könnte wir ein Schweizer Uhrwerk schnurren und die überschaubare Menge an Autos sanft durch die Stadt bringen. Aber da macht die ecuadorianische Art des Autofahrens ein Strich durch die gut kalkulierte Rechnung. Die Hauptstraße hat vier Spuren, die durch gut sichtbare Streifen voneinander getrennt sind. Aber diese Streifen scheinen nur wir Ausländer zu sehen und zu befolgen. Wir fühlen uns wie die Sehenden unter den Blinden. Die Autos tanzen wie Bienen vor dem Bienenstockeingang kreuz und quer durcheinander. Selbst wenn kein anderer Wagen die Bahn blockiert ist das logische Fahren zwischen den Streifen nicht angesagt. Aus vierspurig wird kurzfristig siebenspurig. Das obligatorische Hupen gehört zum Autofahren wie die Beulen in die Autos. Gehupt wird rund um die Uhr, ob eine weibliche Schönheit am Straßenrand steht, der Nachbar in seinem Bett schläft und trotzdem durch die Hauswand begrüßt werden soll oder weil die Hand gerade mal aktionsbereit an der Hupe schlummert. Selbst beim Beerdingungszug durch die Straßen wird dem Toten das letzte Geleit hupend versüßt. Die äußere Spur einer vierspurigen Straße wird kurzerhand als Fußgängerzone für die Trauernden vom Haus bis zum Friedhof umfunktioniert. Obwohl das Wort "Friedhof" wäre wohl in Guayaquil zu viel gesagt. Der Friedhof besteht aus einem riesigen Hochhaus, wo die Särge wie in der guten alten Kommode übereinander zur letzten Ruhe geschubst werden. Kleine Kommoden kannten wir schon aus dem südlichen Mittelmeerraum, aber hier kann man wohl von einer kleinstädtischen Schrankwand sprechen. Beim kamikazeartigen Fahrstil der Ecuadorianer und beim Verlassen der Stadt müssen wir kurzfristig noch mal an die Schubladen denken und halten noch verkrampfter das Steuer fest.