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"Die Welt der gegrillten Meerschweinchen und gesottenen Touristen"

Baños scheint ein Ort zu sein, der den globalen Geschmack aller Touristen trifft. In Werkstätten und Taxen in x-beliebigen Orten zeigen uns stolze Ecuadorianer Urlaubsfotos von den berühmten Thermalbädern, wo wir im ersten Moment verwirrt drauf schauen und die Begeisterung der Ecuadorianer nicht teilen können. Die Anmutung bringt uns gedanklich nach Rumänien in die 60er Jahre. Obwohl noch keiner von uns dort war, erst recht nicht in den 60 Jahren. Aber genau so muss es dort und dann gewesen sein. Wir überzeugen uns in Baños als Spanner im sicheren Abstand zu den Thermalbädern von unserer Fantasie. Die so genannten Schwimmbecken sind mit mineralhaltigem braunem Wasser gefüllt. Gut, dass wir das mit dem Mineralgehalt vorher in einem Reiseführer gelesen hatten. Auch, dass der Besucher das saubere, morgendliche Wasser nutzen sollte. Trotzdem, in Deutschland wären die Becken wegen Überfüllung bereits vor Stunden gesperrt worden und der Keimgehalt hätte die Gesundheitspolizei schon längst anrücken lassen. Das Schwimmbad "Piscina de La Virgin" ist eher ein Nichtschwimmerplanschbecken, wo sich die Menschen in dem Wasser der Heiligen bewegungslos aalen und was auch immer von diesem heiligen Tröpfchen erwarten. Fuß-, Genital- oder was auch immer für eine Pilzart sicherlich nicht.
Unter dem Wasserfall, der oberhalb des Schwimmbads fließt, stellen sich Badeschönheiten und scheinen die leicht trostlose Stimmung und den herumliegenden Müll schlichtweg zu ignorieren. Eine Stufe unter dem Wasserfall ist direkt eine Wasserabfüllstation für das heilige Wasser, wo die darüber stehende Badenixe hoffentlich nicht reingepinkelt hat. Aber auch das ist egal, denn die Jungfrau des Heiligen Wassers schützt alle und egal wovor. Und wer es immer noch nicht glauben kann, der geht in die Basilika und schaut sich naive Malereien von Rettungen durch die Jungfrau an. Die Überlebenden von Autounfällen danken der Jungfrau ebenso wie die Geretteten von Vulkanausbrüchen. Eine Lese-Bilderstunde ganz im Zeichen des Herrgotts. Und weil nicht alle an die Wunder oder an die Jungfrau glauben, muss die Gottesfurcht ab und zu wieder in die Köpfe der Ungläubigen infiltriert werden. 1999 das erste Mal seit langem. Und dann im Mai 2006 nochmals, weil es damit auch den letzten Ungläubigen wieder in die Kirche getrieben hat...die Vulkanausbrüche.
Der Vulkan Tungurahua steht acht Kilometer oberhalb des Ortes und erinnerte durch diese heftigen Ausbrüche wieder an seine Existenz. Seit dem letzten Mal ist die Hauptstraße nach Riobamba gesperrt, die seismographische Überwachung intakt und die Kerzen in der Kirche brennen lichterloh. Und der Vulkan hustet seit seinem vergangenen Schluckauf kräftig. Raucherhusten mit schwarzem Auswurf! Gesundheit! Wir haben gerade solche chronischen Hustentage des Vulkans erwischt und reiben uns hilflos unsere Schleimhäute. Zwischen den Zähnen knirscht es, das Zahnfleisch reibt wie Sandpapier gegen die Lippen und die Augen sehen leicht blutunterlaufend aus. Die Camperfenster werden nichts ahnend offen gelassen und über alles legt sich ein zarter, dunkler Aschefilm. Und wie bei den ersten Anzeichen einer Grippeepidemie kommen uns maskenbewaffnete Einheimische entgegen, die nicht wie wir eine Einzeldosis dieser Feinstaubattacken einatmen, sondern deren Lungen wie von Kettenraucher aussehen müssen. Ja stimmt, diese Stadt hat ein besonderes Frühlingsklima und alle schwärmen davon. Aber die Schwärmerei geschieht vor allem durch Besucher, die aus dem saunaähnlichen Klima der Küste oder der kalten Bergregion angereist kommen und nach einem staubigen Wochenende wieder das Weite suchen.
Überhaupt unterscheiden sich die Freizeitaktivitäten der Ecuadorianer völlig von den Ausländern. Junge Backpacker, ach nein, sie nennen sich ja mittlerweile Traveller, rauschen für ein oder zwei Tage nach Baños an, um alles amerikanisch klingende zu machen, was Adrenalin oder zumindest auf "ing" endet, wie Trekking, Hiking, Mountainbiking, Rafting, Climbing und sie in die Gemeinschaft der Traveller aufnimmt. Adventure, extrem, oder sogar extrem adventure. Alles zusammen und in ganz kurzer Zeit. Danach werden die großen Rücksäcke in die bunten Überlandbusse verfrachtet und das konsumierende Reisen im nächsten Ort oder Land geht weiter.

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