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"Was die Schauma-Shampoo-Schönheiten und die Männer aus Otavalo gemeinsam haben"

Superlative irritieren uns vollständig. Der höchste Berg vom Erdmittelpunkt gerechnet (Chimborazo), die sauberste Stadt Ecuadors (Cuenca), die größte Stadt in Ecuador (Guayaquil), der höchste aktive und zu besteigende Vulkan (Cotopaxi) oder der bunteste und größte Indigena-Handwerksmarkt in ganz Südamerika. Das Letztere soll also nördlich von Quito in Otavalo liegen und auf dem gesamten südamerikanischen Kontinent unschlagbar sein. Wie praktisch, dass dieser Ort zufällig 1,5 Stunden von Quito entfernt liegt und bequem über die Carretera Panamericana zu erreichen ist. Jetzt hat doch wohl auch der letzte Depp begriffen, wie Vermarktung funktioniert, wie Reiseveranstalter ticken und was ein perfektes Marketing ist. Otavalo ist ein Konstrukt aus allem und vorweg genommen: ja, der Markt ist interessant und die Einheimischen sind freundlich. Nein, es ist nicht der beste Markt in Ecuador und mit Sicherheit nicht der beste Handwerksmarkt in ganz Südamerika. Aber wenn die ausländischen Touristengruppen nicht weiter in Südamerika herum reisen, dann wird dieser Markt wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wieso müssen wir Menschen auch immer alles miteinander vergleichen und bewerten. Schöner, bunter, indigener!
Otavalo ist ein kleiner Ort, der scheinbar rasant wächst. Am Ortseingang begrüßt uns ein Schild mit 43.000 Einwohnern. Im aktuellen Reiseführer ist die Rede von 31.000. Und in einer der vielen bunten Faltbroschüren wird die Stadt mit 50.000 Bewohnern angepriesen. Auf jeden Fall sind die Einwohner an das Aussehen von ausländischen Touristen gewöhnt. Keiner bleibt mehr mit offenem Mund stehen oder verdreht sich mühsam den Hals. Und wenn es eine Stadtphilosophie analog zu amerikanischen Firmen geben würde, dann steht oben auf der Liste "Freundlichkeit, Weltoffenheit und Marktwirtschaft". Denn einfallende Touristen sind nicht nur ein notwendiges Übel, sondern auch eine relativ sichere und einfache Geldquelle. Das beherrschen die Einwohner spielend, ohne aufdringlich zu wirken und ihre Traditionen nicht in bare Münze umzuwandeln. Die traditionelle Otavalo-Kleidung sieht wie von einem Designer entworfen aus und ließe sich spielend weltweit als Markenzeichen nutzen. Die Frauen tragen knöchellange Wickelröcke, bunt bestickte Puffärmelblusen, an einer Schulter geknotete Tücher, besondere Baumwollsandalen, zusammen gebundene Pferdeschwänze, häufig zusammengefaltete Kopftücher und dazu goldene Halsketten, die den schlanken Frauenhals hundertfach umschlingen. Und besonders hier in Otavalo besteht der Schmuck nicht aus Strass-Steinchen oder Modeschmuck, sondern strahlt in seiner luxuriösen Echtheit. Die Touristen verwahren aus Sicherheitsgründen ihre Klunker zu Hause oder im Hotelsafe und die Einheimischen stellen die Touristen in dieser Hinsicht in den Schatten. Aber trotzdem ist es ratsam, den Taschendieben auf dem Markt in Otavalo kein leichtes Ziel zu bieten. Denn nicht nur die Handwerksbranche boomt, sondern auch die der Taschendiebe. Keine gefährlichen Raubüberfälle, aber doch mit scharfem Messer, das die Hosentaschen, Rucksäcke oder die aufgesetzten Außentaschen wie Butter zerschneidet und das Geld in die eigene Tasche fallen lässt.
Um 6 Uhr in der Frühe stehen wir auf dem Tiermarkt, dessen Platz verkehrsgünstig an der Panamericana liegt. Es stehen die üblichen Tiere zum Verkauf und wir vermissen enttäuscht unsere Lieblingstiere, bei deren Anblick das Kindchenschema aktiviert wird und wir entzückt "oh, süß" grunzen. Die bockigen Esel mit ihrem etwas treublöden Gesichtsausdruck fehlen. Die Lamas mit ihren bunten Stricken um den Kopf oder durch die Ohrlöcher, die nur spucken, wenn sie ärgerlich sind und doch sehr an Kamele erinnern, fehlen auch. Die flauschigen Alpakas, die eine kürzere Schnauze haben und die die weiche Wolle für meine neue Alpaka-Mütze geliefert haben, stehen auch nicht zum Verkauf. Also wieder die üblichen Tiere wie Schweine, Kühe, Gänse, Enten, Hühner oder Meerschweinchen, die uns aber auch nach einer kurzen Zeit die anderen vermissten Tiere vergessen lassen. Gefrühstückt wird an den kleinen Buden ringsherum, die so deftige Gerichte anbieten, als müssten wir im Anschluss noch den ganzen Tag auf dem Acker arbeiten. An blutige Innereien, undefinierbare gekochte Hühnerteile, wabblige Schweinehaut und blasse Hühnerkrallen können sich unsere konditionierten Geschmacksorgane zwar nicht gewöhnen, aber auf alles andere haben sich unsere Mägen mittlerweile eingestellt. Unser verwöhnter Kopf isst leider immer noch mit und wir können es nicht abstellen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir das Gefühl von Hunger zum Glück nicht kennen lernen mussten.

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