"Torres del Paine- eine Hass-liebe oder einfach von seinen Besuchern zu Tode geliebt"
Vor unserer Wanderung ist klar, dass wir uns von den geplanten Wanderwegen dem "U" und "W" fernhalten wollten. Sommerferien auf der Südhalbkugel sind ähnlich überfüllt wie auf der Nordhalbkugel. Die viel gestellte Frage "was macht ihr? Das O, V oder das W?" beantworten wir mit "Zick zack". Also erst einmal die alleinige Draufsicht vom „Mirador Cuernos“ und damit die grauen und schwarz schattierten Hörnchen ansehen, danach mit dem Katamaran die dramatische Perspektive auf das Gesamtmassiv bestaunen und dann langsam in den touristischen Sog des Parks eintauchen. Wie bei allen touristischen Anziehungspunkten muss derjenige, der die Abgeschiedenheit liebt, den beschwerlichen Weg gehen. Wie das Wort schon sagt, es muss schwer zu erreichen sein. Da unsere Convenience-Gesellschaft mit schlechter Kondition und Muskeln, die nicht hart wie Krupp-Stahl, sondern eher die Müllermilch Wackelpudding-Version im Leib trägt, geht ihnen schnell die Puste aus. Die Selektion schlägt gnadenlose, röchelnd und mit hochroten Köpfen zu. Oder wenn die Besucher einen ungezügelten Bewegungsdrang verspüren, dann pfeift deren bezahlter Touristen-Sklaventreiber zur Weiterfahrt auf der ausgebauten Teerstraße (die schönsten Wege sind nur zu fuß erreichbar) und statt der frischen Luft erwartet sie ein überheizter Bus mit abgestandener Luft.
Im Vorfeld machen wir uns zwar Gedanken über unsere Tour durch die Natur, sind aber so euphorisch, dass wir beim Blick auf die Wanderkarte einige kleine, aber sehr entscheidende Zeichen übersehen. Gekreuzte Gabeln mit gezückten Messern, buchbare Schlafunterkünfte, voll ausgestatteten Lebensmittelläden, warme Duschen, Spültoiletten. Denn weitergedacht stehen diese zivilisatorischen Errungenschaften im krassen Gegensatz zu einem ernst gemeinten Nationalpark, wo eigentlich erst die Natur kommt und ganz weit dahinter der Stellenwert des Menschen, der Komfort und vor allem seine Körperhygiene nach einem Duschmarathon. Aber die chilenische Kasse klingelt beim Touristenansturm und dabei fällt eben ein bisschen Natur hinter runter. Der Nationalpark wird zu einem großen Vergnügungspark und bekommt den Stempel "Lightversion" aufgedrückt. Wie ein geschmackskastrierter Joghurt, der "ultra light" sein trauriges Dasein fristet. Und wie sollen auch einige "Tageswanderer" wissen, dass man nicht direkt neben einen Fluss seine "Tretmine" setzt, wo andere ihr Trinkwasser entnehmen. Deren mitgebrachtes Trinkwasser reicht für einen Tag. Das ist doch die Hauptsache. "Ist doch alles natürlich" funktioniert bei einem Park nicht mehr, wo an einem Sommerwochenende 15.000 Besucher die Natur zu Tode lieben. Weißes Klopapier mit braunen Bremsstreifen weist uns an einigen "Ballungszentren" die Richtung. Bei solch wenigen und zugeschissenen Toiletten die einzige ausweglose Alternative? Die "ausgestatteten" Campingplätze sind voll und die gratis Plätze gleichen israelischen Kolonien. Die Unbeliebtheit der reisenden jungen Israelis nach ihrem Wehrdienst zieht sich wie ein roter Faden durch die Welt und macht auch vor diesem Park kein Halt. Augen zu und durch scheint die Devise der Ranger zu lauten, die so gut es geht die Besucher meiden, geschweige denn informieren oder nett aufklären. Beim Anblick der Müllberge, die in den Park von Wanderern getragen werden, verschleiert sich unser Blick vor Wut. "Was mit hineingetragen wird, muss auch wieder heraus getragen werden" gilt schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in der Praxis. Da füllen schwere Konservendosen mit 50% Abtropfgewicht mit energieleeren Paprikaschoten ebenso die Mülleimer, wie die Tonnen an Lebensmittel, die von mutierten Feldmäusen angeknabbert werden. Die um die Zelte herum streunenden Mäuse nutzen jeden Schlupfwinkel aus, um in Rucksäcke, Schlafsäcke oder andere Vorräte zu krabbeln. Und da die Saison im Park kurz ist, werden die putzigen Mäuse nicht gezähmt oder Vorrichtungen zum Hochhängen gebaut, sondern stattdessen entstehen noch mehr Ferienhütten für die Gäste. Die Momente, die Wanderern das Herz höher schlagen lassen, sind unter anderem im französischen Tal im Camp Britanico, wo endlich "nichts menschliches" ist. Unbeschreiblich schöne Natur, 5 einsame Zelte, der Einsatz des guten Klappspatens und so eiskaltes Gletscherwasser, dass das Fett im Topf gerinnt. Unser Zelt steht in einer Lichtung über die der eiskalte Wind fegt, die Bäume kräftig schüttelt und tosende Windgeräusche zaubert. Das frühe Aufstehen, um in dem einsamen Tal die angestrahlten Berge, Schneehänge und Gletscher zu sehen, fällt leicht und der heiße Tee danach in der eisigen Morgenluft schmeckt herrlich. Schön, dass der Aufstieg hierher mit Gepäck so beschwerlich ist.
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