"Die chilenische Seenregion- einfach lieblich"
Unsere Rückreise in den Norden planen wir nicht durch Chile, sondern schweren Herzens durch Argentinien. Bis uns ein inkompetenter argentinischer Fordhändler zum Glück in die hilfsbereiten Arme der Chilenen treibt. Das viel gehörte "impossible" in Argentinien wird zum "sí, claro" in Chile.
Das fünf schwerste Erdbeben weltweit (seit dem Beginn der Aufzeichnungen) am 27. Februar 2010 hat in unseren Köpfen jedoch die Vorstellung der totalen Zerstörung hinterlassen. Weniger durch persönliche Berichte, sondern viel mehr durch die Fernsehbilder und Zeitungsberichte der internationalen Medien. Verheerende Bilder, die die emotionale Wirkung nicht verfehlten und Chile hilflos, für Jahre zerstört und von der Naturgewalt überrascht aussehen ließ. 7 Wochen nach dem Erdbeben fahren wir auf der logistischen Hauptader der "Ruta 5" von Osorno nach Santiago. Wir hören dieses Mal nicht auf die internationalen Medien, sondern auf die Einheimischen, die uns bestärken. Ja, das Erdbeben war traumatisch und verheerend, der darauf folgende Tsunami tödlich. Die Einzelschicksale traurig und bemitleidenswert. Die Erinnerungen an die längsten 3 Minuten beängstigend. Aber Chile war darauf vorbereitet, hat in kürzester Zeit das alltägliche Leben wieder zum Pulsieren gebracht und durch viele Maßnahmen im Vorfeld das Schlimmste verhindert. Und die Glaubwürdigkeit der medialen Aufbereitung sinkt hiernach noch weiter in den Keller. Dunkle Kellerstimmung, dass ist wohl der neuste Trend der Stimmungsmache. Leider weltweit oder blasen wir damit nur in das gleiche Horn wie unser großes Vorbild die USA? Angst und Verdummung macht eben gefügig!
Wir fahren also durch die Seenregion Chiles und haben selbst nach dem Erdbeben das Gefühl von "Lieblichkeit". Von der Rauheit Patagoniens ist nichts mehr zu spüren und die Spuren vom Erdbeben scheinen wie weggeblasen. Allerdings nur die Spuren, die nach so einer kurzen Zeit zu beseitigen sind. Mächtige Autobahnbrücken hat es spielerisch von den Betonsockeln gehoben. Die Breite der Dehnungsfugen könnte Autos verschlucken, wenn sie denn noch an Ort und Stelle stehen und nicht bereits eingestürzt sind. "Desvio" (Umleitungsschilder) führen an den größten Schäden vorbei, wo der Neubau oder die Ausbesserung im vollen Gang sind. Der Asphalt ist meistens intakt, aber hat teilweise solche starken Verwerfungen, wie der Wohnzimmerteppich nach einem ausgelassenen Kindergeburtstag oder ist unter der hohen Spannung gerissen. Aber in Alaska waren die Straßen nach dem starken Permafrost nicht sanfter und eine Kutterfahrt auf der windigen Elbe ist Kindergarten dagegen. Bausünden sind nach der Erschütterung sofort offensichtlich und lassen sich nur noch kurzfristig mit Baugerüsten stützen. Einsturzgefährdet warten sie auf die Abrissbirne. Gotteshäuser haben wieder Ehrfurcht gelernt und müssen den Weg zu Gott auch ohne erhabenen Kirchturm finden, denn der liegt bereits auf dem weggeräumten Bauschutt. Sowieso wird wieder umgedacht bzw. altes Wissen ausgegraben. Früher standen kein Nippes oder keine Weingläser ungeschützt im Regal, so berichten es uns die Chilenen. Auch Evakuierungstrainings gehörten zum Unterrichtsstoff in den Schulen dazu. Jetzt sehen wir neu aufgestellte Evakuierungsschilder an den Straßen und in den Restaurants, hören von Evakuierungsschulungen, die den guten aber wohl leider nur kurzfristig anhaltenden Lernprozess zeigen. Bei chilenischen Freunden steht der gute Rotwein trotzdem auf dem Regal und die Sammelteller hängen seit dem Erdbeben an ihren Nägeln. Nach dem Motto, was beim letzten Mal nicht runtergekommen ist, wird bis zu unserem Lebensabend auch noch halten. Ja, die gute alte Statistik gibt den Menschen ihre gewohnt Gelassenheit zurück. In der nähsten Zukunft werden erst einmal andere Länder kräftig durchgeschüttelt.
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