"Was die Leberwurst mit den chilenischen Deutschen gemeinsam hat"
In vielen Urlaubsländern kommt das Geständnis der Nationalität nämlich "deutsch zu sein" nur zögerlich oder nuschelnd über die verkniffenen Lippen. Die dunkelbraune Vergangenheit ist jung und das neu gewonnene deutsche Selbstbewusstsein nach der Fußfall-WM im eigenen Land ist noch ein zartes Pflänzchen (oder schon wieder vertrocknet?). Dabei sind wir allerdings noch sehr vom US-amerikanischen Theaterspiel entfernt, wo sich auf unserer Reise immer mehr Amerikaner mit kanadischen Stickern und Aufklebern ihrer Identität entledigen und sich von ihrer katastrophalen politischen Bush-Ära verschämt distanzieren.
Wir sind im chilenischen Seengebiet und werden von unserer deutschen Nationalität quasi minütlich angesprungen. Die Vegetation und Landschaft erinnern uns an das Alpenvorland. Die Schwarzbunten Kühe stehen auf saftigen Blumenwiesen neben ordentlichen Bauernhäusern. Es gibt hier "deutsche Landschulheime" ebenso wie "Deutsche Clubs" und "Deutsche Museen". Auch Restaurants werben mit deutschen Schlagwörtern wie "traditionelle Küche" im "Hotel am See" oder in "der Wassermühle" und haben kariert aufgetischt. Bei unserer Frage mit dem spanischen Begriff für Kuchen werden wir von Chilenen verwirrt angeschaut und mit der Nachfrage, ob wir "Kuchen" meinen freundlich belehrt. Nach dieser langen Reise kommen romantische Träume und Gelüste nach Erdbeerkuchen hoch, obwohl wir in allen Ländern die einheimische Küche zu schätzen gelernt haben. Hochnäsige Gedanken über die deutschen Tugenden ebenso, die selbstverständlich das deutsche Backen einschließen. Ein Irrglaube. Und wir stellen in dieser Umgebung wieder einmal fest, dass nicht der Erdbeerkuchen allein das ist, was den Genuss ausmacht, sondern auch das Ambiente. Bei so vielen gekämmten Vorgärten mit Gartenzwergen, blitzblanken Häuserfassaden, akkuraten Jägerzäunen und Massen an bundesdeutschen Adlern kann einem der Kuchen schon mal im Hals stecken bleiben bzw. rutscht einfach nicht leicht durch die Kehle. Konserviertes Deutschtum umschreibt die Atmosphäre wohl am Besten. Wir lesen auf einer Tür, dass wir "schiebe" machen sollen und verstehen den englischen Begriff "push" und den spanischen "empuje" allerdings viel besser. Drücken ist nicht schieben. Oder schieben, äh drücken wir sie nur auf eine falsche Waagschale?
Dass es deutsche Kolonialisierungen gab, haben wir in der Schule gelernt. Allerdings sind damit wohl eher die kriegerischen gemeint, denn Chile ist dankbar für die vergangene "Deutsche Kolonialisierung". Der Chilenische Präsident rief nach den fleißigen Deutschen, diese verließen ihre Heimat 1852 per Schiff, bevölkerten und erschlossen die Seenregion und das Gebiet um Valdivia wirtschaftlich und machten sie nach zivilisierten Maßstäben bewohnbar. Auf die Ureinwohner besinnt man sich hier nur, wenn es um die werbestarken touristischen Attraktionen oder um den "Quoten-Indianer" geht.
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