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"Die trügerische Idylle der Colonia Dignidad"

"Klar könnt ihr mit Eurem Camper bei uns stehen", spricht die jung klingende Frauenstimme ins Mobiltelefon und der uns gegenüberstehende Chilene grinst uns bestätigend an. Als er sein Telefon wieder von uns in Empfang nimmt, erklärt er noch kurz den Weg zu seinen Nachbarn der "Villa Baviera". Schon der Sektenbegründer Paul Schäfer hat den bitteren Beigeschmack des Namens "Colonia Dignidad", was übersetzt „Kolonie der Würde“ heißt, ausradieren wollen und hat seiner Gemeinde kurzerhand den neuen, wohl klingenden Namen "Villa Baviera" verpasst.
Unbeschwert ist unsere Fahrt auf das riesige Gelände der Colonia Dignidad trotz Sonnenschein und trällernder Vögel nicht. Dafür haben wir zuviel über die deutsche Sekte gelesen. Über lange Eichenalleen führt der staubige Schotterweg an einzelnen kleinen Häuschen vorbei zu einer Art "Kontrollhaus". Die blonde H. lächelt und begrüßt uns herzlich mit ihren kindlichen Worten. Wissen bringende Schulbesuche gab es zu Zeiten der Sekte kaum oder nur sporadisch. Harte Arbeit sollte die Kinder formen und den denkenden Geist klein halten. Private Unterhaltungen waren nicht erwünscht und somit schlummern viele Worte eher im dunklen Inneren jedes Einzelnen, als dass sie jemals geübt angewandt werden durften.
Wir fahren entlang blühender Wiesen, perfekter Getreidefelder, hohen Eichenbäumen, Maschendrahtzäunen und parken unseren Camper zwischen Apfelbäumen neben einem romantischen Seerosenteich. Wir werden begrüßt und bekommen die Information nicht die "gesperrten Privatzonen" zu betreten. Die jungen Bewohner würden sich öffnen, aber die Alten nicht. Sie "wollen aber keinen Führer mehr" und ob wir die Historie der Colonia Dignidad kennen. Wir kennen die Geschichten auf geschriebenem Papier der renommiertestes Zeitungen dieser Welt und wissen, dass dies nur ein oberflächlicher Bruchteil der ganzen Geschichte ist. Ein trauriges Kapitel, was wieder einmal Deutsche schrieben.
Wir gehen über das Gelände und treffen auf Menschen, die ihre deutsche Heimat der 50er und 60er Jahre bis heute konserviert haben. Die Zeit der 60er Jahre, in der sie ihrer Heimat Deutschland auf der Suche nach einem besseren Leben in Chile den Rücken zugewandt haben. Lange Röcke, doppelt gesteppte Hauben und selbst genähte Schürzen gehören heute ebenso zur Alltagskleidung wie das selbstgebackene Schwarzbrot oder die eingelegten Gewürzgurken. Sauber verlegte Waschbetonplatten weisen den Weg zu den Häusern, ein angebundener Schäferhund kläfft in der Ferne und aus dem blau gestrichenen Springbrunnen plätschert ein reines Wasser.
Wir sitzen auf der Terrasse vom eigenen Restaurant "Zippelhaus" und lassen uns Gulasch mit Rotkohl, Apfelstrudel mit Schlagsahne und einem Bier schmecken. An uns schiebt eine blonde Familie ihren alten quietschenden Speichenkinderwagen entlang und grüßt verstohlen. Das pausbäckige Kind sitzt auf seinem hohen Thron, gesichert mit einem typisch deutschen Brustlederriemen und einer handgestrickten Wollmütze auf dem Kopf. Seine Mutter trägt eine altmodische Hochsteckfrisur mit einem klassisch langen Rock. Alles unverfälschte 60er Jahre.
Ein anderes blondes Kind scheint schon in der Gegenwart angekommen zu sein, fährt mit seinem neuen Kinderfahrrad, seinen leuchtend gelben "Crocks" (die berühmten Garten-Plastik-Schuhe) und brabbelt irgendwas deutsches vor sich her. Ein Mann im Holzrollstuhl bewegt sich per Handantrieb über die Betonplatten; eine ältere Frau mit Kopfhaube fährt auf ihrem Adlerfahrrad vorbei; eine Oma hält ein plärrendes Kind mit dem Satz "irgendwann sind alle Krieger müde" an der Hand und wir sitzen sprachlos wie Zuschauer in einer Art Film, der unwirklich an uns vorbei zieht.
Uns knallen die Worte beim gemeinsamen Bier von J. auf die rot-weiß karierte Tischdecke. "Schäfer hat es mit mir auch getan". Sein pädophilier Sektenführer hat unseren jetzt 40-jährigen Gesprächspartner als "verhuschten" Mann in dieser Welt einsam zurück gelassen. Seine kindliche Sprache lässt ihn hilflos erscheinen und wir müssen ein paar Mal kräftig schlucken, um das Gehörte zu verinnerlichen. Seine Buchseiten der wenigen Bücher waren immer zusammen geklebt. Alles was nicht anständig oder sektenkonform war, wurde vernichtet, verheimlicht oder umgedichtet. Seine missglückten Fluchtversuche aus dem abgeschirmten Gelände hatten Medikamentenbehandlungen zur Folge. "Er wusste doch nicht alles“. Auch nicht, dass "die Babies nicht einfach in die Wiegen gelegt werden". "Hätte er eine eigene Bibel gehabt", dann hätte er schon vorher gewusst, dass es "schlecht war". Aber er kann aufgrund der Behandlungen (Stromstöße an den Genitalien) sowieso keine Kinder haben. Die Worte sprudeln aus J. heraus, ohne das wir ihn auffordern oder ausfragen. Und schließlich nach vielen unbeschreibbaren Grausamkeiten spricht er seine Lebensphilosophie aus: "ich habe meinen Frieden gefunden". Heimatlos und in der Freiheit trotzdem gefangen, bleibt ihm auch nichts anderes übrig. Er gehört nicht zu den vielen Sektenanhängern, die nach dem Zusammenbruch, der Verhaftung ihres Führers 2005 nach Deutschland in einer anderen Sekte "aufgenommen" wurden. Einige hatten die Wahl zu gehen, andere ohne Geld, Beziehungen und Perspektive nicht. Die vierhundert gläubigen Sektenanhänger waren 1961 mit Schäfer nach Chile gekommen, hatten sich ihre Renten auszahlen lassen, mussten ihr gesamtes Geld abgeben und sahen ihre großen Hoffnungen und die glorreichen Versprechungen bereits nach kurzer Zeit unerfüllt. Familien wurden geschlechtlich separiert, Jungs täglich von Schäfer vergewaltigt, alle körperlich durch harte Arbeit ausgelaucht und seelisch gefoltert. Kinder durften keine gezeugt werden, nur von privilegierten Sektenmitgliedern. Es gab zur Aufrechterhaltung der "Gemeinnützigkeit" Zwangsadoptionen chilenischer Kinder, die das gleiche Schicksal wie den Deutschen traf, und ein kostenloses Krankenhaus für die chilenischen Nachbarn. Die Gemeinschaft war alles, das Individuum nichts. Selbst im Tod auf dem Friedhof des Geländes sind die Steine, die Dekorationen und die Inschriften konform.

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