"Der Tanz auf dem Vulkan geht weiter- der Chaiten"
Sechs Stunden mit der Fähre trennen uns vom Vulkan Chaiten. Wir blicken von der Insel Chiloé zum Horizont und sehen graue aufsteigende Wolken, die so gar nicht wie Wetterwolken aussehen. Der Vulkan Chaiten bläst mit störrischer Permanenz seit seinem Ausbruch im Mai 2008 die Asche in dem Himmel und bringt sich immer wieder bei den Menschen in Erinnerung. Seit Menschengedanken war er friedlich und wurde folglich von Wissenschaftlern ebenso missachtet wie von seinen Anwohnern, die in der gleichnamigen Stadt Chaiten lebten. Seine Bekanntheit verdankt er lediglich seinem berühmten Nachbarn Douglas Tompkins (Textilgigant North Face und Esprit), der den größten privaten Naturpark der Welt "Pumalin" um ihn errichtete. Ansonsten verschwand er im Schatten seiner großen Vulkanbrüder, die sich wie eine ewige Kette in den Anden aneinander reihen und ihn in die Bedeutungslosigkeit verdrängten.
Auf der Fähre nach Chaiten treffen wir einen Chilenen, der ebenso wie seine ehemaligen Nachbarn auf die vielen Orte der "Isla de Chiloé" zwangsevakuiert wurde. "Er will mal wieder nach dem Rechten sehen". Bis auf die aufsteigende Aschewolke liegt die Stadt Chaiten friedlich in der Sonne. Unsere alten Reiseführer von 2007 (Kauf vor unserer Abreise) versprechen noch einen Ort mit guter Infrastruktur, dem Zugang zum Naturpark "Pumalin" und sonstigen touristischen Attraktionen. Aber je näher die Fähre auf das Festland zusteuert, umso mehr wird einem bewusst, dass nichts mehr so ist, wie es war. Die vulkannahen Wälder sehen trotz Sommer graubraun aus. Im Vulkanschlamm ragen die Überreste von Dächern hervor. Der untere Teil der Häuser ist in der zementharten Asche wie "einbetoniert". Die wenigen Autos, die an der Uferstraße entlang fahren, spiegeln nicht die Normalität wieder, sondern eher eine Ausnahme im evakuierten Chaiten.
Die ufernahen Häuser sehen aus, wie wir es in dieser holzreichen Gegend vermuten. Bunt gestrichen strahlen sie in der Sonne und verbreiten eine lebensfrohe Stimmung. Allerdings trügt auch hier der bloße oberflächliche Schein. Denn zwei Straßenblocks in Richtung Vulkan verschwindet jegliche Farbe und eine trostlose Stimmung macht sich breit. Grau gepuderte Straßenalleen liegen entlang des Flusses. Die Bäume haben ihre grünen Blätter längst abgeworfen. Auf dem Spielplatz ragt auf ironische Weise ein Puppenkopf aus dem Staub hervor. Ihre Haare sind verstaub wie alles andere und ihr eines Auge schielt schief und scheinbar auf die nächste Eruption wartend in die Luft. Andere bunte Schaukeln und Wippen sind provisorisch zum Vorschein geschaufelt worden. Nur tiefe Löcher holen sie aus der Versenkung hervor, aber der Staub rings herum bleibt seid fast zwei Jahren unberührt und menschenhoch liegen. Schaut man in die verlassenen Häuser, dann steht der getrocknete Staubschlamm nicht nur meterhoch an der Außenseite der Häuser empor, sondern erstickt auch alles im ehemals wohnlichen Inneren. Unter dem Druck der Masse liegen viele Gebäude windschief zur Seite geneigt und werden vom Schlamm in seinen grotesken Positionen gehalten. Andere Bewohner scheinen ihr Schicksal nicht einfach hinnehmen zu wollen und schaufeln ihre Häuser frei, erneuern die Holzbretter und kehren den ewigen Staub beiseite. Es gibt auch schon wieder einige kleine Läden, wie Supermärkte und Eisenwarenläden. Nicht nur die wenigen Zurückgekehrten wollen versorgt sein, auch die ständig patrouillierende Polizei. Denn offiziell ist der zwangsevakuiert Ort nicht für den Rückzug freigegeben und beim Anblick des rauchenden Vulkans für uns auch verständlich. Am Krater bildet sich ein neuer Dom heraus, der permanent wächst und sich nach außen drückt. Unterhalb raucht es aus unzähligen Löchern, die uns an einen durchgerosteten Teekessel erinnern.
Und dieser unbedeutende Ort an der berühmten Carretera Austral zeigt uns wieder einmal unsere beschränkte Überheblichkeit. Der Mensch im allgemeinen und die Kreatur Politiker im speziellen, die lediglich in Legislaturperioden denkt und die Städte Kioto oder Kopenhagen mit dem Treffen der "wichtigsten Weltmächte" zur unbegreiflichen Ironie des Schicksals und zu erinnerungswürdigen Orten verkommen lässt. Bei der Eruption des Chaiten hatte zur Abwechslung der Mensch mal nicht seine Finger im Spiel und die Natur war sozusagen "außer Kontrolle und dieses Mal schuldig". Aber wie auch immer das Ende oder die Entwicklung der Welt sein wird, wer als Schuldiger oder Leidtragender beteiligt ist, der lachende Gewinner wird langfristig die Erde sein. Wann auch immer. Denn sie rechnet in hunderten, tausenden, Millionen Jahresabschnitte. Der Vulkan Chaiten war 9000 Jahre friedlich. Für uns eine unvorstellbar lange Zeit. Für die Evolution nur ein kurzer Wimpernschlag. Etwas kommt und etwas geht. Asche zu Asche, Staub zu Staub.