"Das Ende der Welt- wo auch immer es ist"
Warum nähert man sich einem Ende immer mit Superlativen? Punta Arenas ist die südlichste Stadt auf dem Südamerikanischen Kontinent. Ushuaia gibt sich als die südlichste Stadt der Welt aus. Und was ist dann die noch südlicher liegende Stadt Puerto Williams? Der einzige große Unterschied ist die Nationalität. Da gönnt das eine Land dem anderen nichts. Und so wird Puerto Williams auf chilenischer Seite als Dorf abgetan und die argentinische Stadt Ushuaia als das Ende der Welt. Unser österreichischer Reisefreund Christian hat es mit einem Wort auf den Punkt gebracht. Wir, die Menschen im Allgemeinen und wir als Deutsche im Besonderen sind Hutnadelsammler. Tolles Wort! Wenn wir schon in unserem langweiligen Alltag in der grauen Masse untergehen, dann wollen wir zumindest im Urlaub alle anderen mit einem einzigen Superlativ ausstechen. Dabei bekommen wir bei der Erwähnung der schnöden Ortsnamen noch keine Gänsehaut. Aber bei Worten wie "Beagle-Kanal, Magellanstraße, Kap Horn, Cordillera Darwin" fängt es langsam zu kribbeln an. Jeder Name, jede Person hat seinen bedeutenden Platz in der Welthistorie und so haben wir auf der Fahrt mit dem Frachtschiff von Punta Arenas nach Puerto Williams diese gelernte Geschichte im Kopf. Wir schleichen uns begleitet von spielenden Seelöwen durch die Fjorde und kleinen Inseln. Wie auf der Kirmes im Spiegel-Irrgarten eröffnen sich Durchfahrten, die nur der erfahrene Kapitän auf seinen Karten findet und uns erst im letzten Augenblick erschließt. Unvorstellbar, dass diese "Abkürzung" 1520 von F.Magellan mit den damaligen Hilfsmitteln überhaupt gefunden worden ist. Aber das Kap Horn war gefürchtet und die Entdeckerlust der Menschen trotz vieler Tragödien ungebrochen.
Als wir den kleinen Ort Puerto Williams auf der Insel Navarino nach 36 Stunden Fahrt erreichen, erfüllt er all unsere unspektakulären Erwartungen. Die Lage des Ortes am Beagle-Kanal ist erhöht mit Blick auf den argentinischen Nachbar Feuerland. Im Hintergrund stehen schneebedeckte Berge und lassen die Farben in der klaren, reinen Luft noch brillanter aussehen. Jeder kennt jeden und deshalb werden die Türen auch nicht abgeschlossen. Unser Hostelzimmer steht genauso sperrangelweit auf, wie der Schlüssel in der Haustür steckt. Von außen natürlich. Unsere Gastfamilie ist in den Sommermonaten zusammengerückt und vermietet Zimmer an die wenigen Gäste. Der obligatorische Holzofen steht im Flur und heizt mächtig ein. Die Mutter sitzt mit der Wolldecke vorm Fernsehen und die kleine Tochter langweilt sich in den letzten Tagen der Ferien. Vor allen Häusern stapelt sich jetzt im Spätsommer schon das Feuerholz und bewart auch einige Häuserwände vorm Zusammenfallen. Mit unserer Ankunft sind nicht nur einige Touristen ausgespukt worden, sondern auch die ersehnten Lebensmittel vom Festland. Die Regale in den Tante-Emma-Läden füllen sich über Nacht randvoll und Wocheneinkäufe werden von den Einheimischen schnell erledigt bevor ein anderer zuschlägt.
In der Post liegen alle angekommenen Pakete für alle offen zugänglich. Jeder kramt auf der Suche nach seinem Paket und hält ein Pläuschchen mit der jungen Postangestellten. Wir lassen uns von dem Hutnadelsammler-Virus anstecken und wandern auf der Suche nach Souvenirs oder Postkarten durch die wenigen Straßen. Eigentlich spricht es charmant für diesen Ort, dass wir Puerto Williams und die einzigen hässlichen China-Fleecemützen in zwei staubigen Läden verlassen: mit leeren Händen!
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