"Wir schlagen unter anderem auch am Grey-Gletscher unser Zelt auf"
Ingos Wunsch beim Aufwachen einen Eisberg vorbei treiben zu sehen, wird prompt erfüllt und die glasklaren Eisstücke vom Gletscher zeigen die absolut ursprüngliche Reinheit. Uraltes Eis, welches krachend kalbt und bizarre Skulpturen in den Gletschersee entlässt. Es gibt viele Momente im Torres del Paine Park, die einen das pure Glück und tiefe Zufriedenheit spüren lassen. Denn was die Natur geschaffen hat, ist zweifellos großartig, einzigartig und sehenswert. Das was der Mensch daraus macht, ist enttäuschend und traurig. Und die touristische Zukunft sieht für dieses Stückchen Erde düster aus, wenn nicht ganz schnell an den entscheidungsgebenden Stellen umgedacht wird. Oder sind wir vom Umgang mit der Natur von anderen Ländern zu "verwöhnt" und Chile benötigt einfach noch Zeit, Erfahrung, Hilfestellung?
Nach einer Woche im Park haben wir dieses Mal nicht das Gefühl völlig "eingetaucht" und "weg gewesen" zu sein. Vielleicht liegt es auch an dem besonderen Datum, dem 27. Februar 2010. Das fünft schwerste Erdbeben (weltweit seid der Aufzeichnungen) erschüttert unser Gastland Chile. Unerwartet, aber nicht unvorbereitet. Nicht nur die Erde um Conception und Santiago bebt schwer, sondern auch die ersten schockierenden Fernsehbilder erschüttern uns; nicht in der Zivilisation, sondern per Satellitenfernsehen im Nationalpark. Das Entsetzen nach dem Beben zeigt sich durch wartende Chilenen vor den zwei einzigen Computern in einer Berghütte; rennende Wanderer, die so schnell wie möglich zu einem Telefon außerhalb des Parks kommen wollen; die immer wiederkehrenden Fernsehbilder der Zerstörung mit weinenden Menschen in Nahaufnahme. Jeder scheint jemanden in diesem Gebiet zu kennen und mit seinen ungewissen Sorgen allein gelassen zu sein. Die Unbeschwertheit ist vorbei und die sachliche Entwarnung der Großkatastrophe muss noch lange auf sich warten lassen. Dieses Wochenende in der Natur ist von Trauer gezeichnet.
Bei einem Wanderabschnitt, der eigentlich nicht der letzte in diesem Park sein soll, knallt Ingo die Sicherung durch. Ein deutsches Pärchen rückt uns von hinten auf die Pelle. Er trägt eine unsinnige DIN-A4 große Wanderkarte in einer Klarsichtfolie um den Hals und merkt gar nicht, dass es nur einen Weg durch das Gestrüpp gibt. Minütlich drückt er die "Waypoints" in sein GPS, welches während der gesamten Zeit mit seiner Handfläche verschmolzen ist. Als er dann noch eine lautstarke Diskussion über Tollcollect anfängt und wir schon 100x ein grüßendes "hola" den entgegen kommenden Wanderern zu schmeißen, biegen wir genervt vom Hauptweg ab. Abseits des ausgetretenen Wegs legt sich die Genervtheit, ebbt die Enttäuschung ab und wir lassen uns im Sonnenschein am Fuß der Türme (der Torres) unsere letzte Schokolade schmecken. In solch einer deprimierten Stimmung wollen wir den Park nicht verlassen, schlagen deshalb unser Zelt auf, essen die obligatorische Reisnudelsuppe und wärmen uns am Feuer eines anderen deutschen Motorradreisenden. Ein warmer Stein aus unserer Feuerstelle lässt uns trotz kalter Nacht bei minus 5 Grad Celsius und feiernden Backpackern schlafen. Warum einige in einen Nationalpark wandert, um hier ihre lautstarke Geselligkeit auszuleben, werden wir in unserem fortgeschrittenen Alter wohl nicht mehr begreifen. Ohne eine einzige Wolke am Himmel verlassen wir am nächsten Tag die Natur mit der Gewissheit, dass unser Besuch 5 Jahre zu spät kommt oder optimistisch gesehen, wir nur die chaotischen Ausläufer der Sommerferien gestreift haben. "Wer nur in ausgetretenen Pfaden wandert, der hinterlässt eben keine eigenen Spuren". Wie auf der Wanderung, so auch im wahren Leben.