"Im Pyjama auf den Trümmern des Erdbebens. Merkwürdig oder einfach das Merkens würdig"
Das Wunderbare am Campen ist, dass viele charmante Schwächen für einen kurzen Zeitraum am Tag ungeschminkt und ehrlich sichtbar sind. Das ist der Zeitpunkt zwischen dem Herausschälen aus dem Zelt und dem morgendlichen Gang zur Toilette. Die Haare stehen kreuz und quer auf dem Kopf. Der gelbe Pickel auf der Nase leuchtet noch heller als die Morgensonne. Das vergangene Make-up klebt in den verwühlten Kissen. Und dann erscheinen diese "rassigen" Latinos ungeniert in ihren Schlafanzügen. Nein, es sind keine elegant geschnittenen Schlafanzüge oder Hemden, sondern richtige Pyjamas. Frauen tragen eher pastellfarbene mit kleinen Bärchen oder anderen neckischen Abbildungen. Männer präsentieren sich hingegen gerne in blauen Modellen. Aber immer der klassische Pyjama aus echter Baumwolle mit breitem Bund an Armen und Beinen. Wir fühlen uns bei unseren ersten Begegnungen wie Spanner, die ins Schlafzimmer anderer gaffen. Aber der unbefangene Umgang der Chilenen befreit und die Liebes tötenden Modelle werden schamlos von uns bestaunt. Camper sind eben doch eine große Familie und einfach ungeschminkt.
Unser Geruchssinn ist nach der langen Zeit in Ländern wie Bolivien oder Peru wieder jungfräulich geeicht, die "Reset-Taste" wurde sozusagen gedrückt. Denn die Menschen, die mit uns im Bus oder im Colectivo saßen, konnten sich kein Parfum oder andere Duftkapriolen leisten oder es widersprach schlichtweg ihren alltäglichen Gewohnheiten. Der Geruch nach Tieren, Kernseife, Männerschweiß, nach Kräutern oder anderen natürlichen Dingen war unser ständiger Begleiter. Wie eine brutale Keule haut uns in Chile der Geruch nach Raumsprays auf die erholten Nasenschleimhäute. Wir betreten schlecht gelüftete Räume, die diesen unsauberen Umstand chemisch zu vertuschen versuchen. Stolz und wie selbstverständlich stehen die benutzten Raumspray riechend nach Lavendel, Vanille oder anderen süßlichen Brechreizmitteln auf den Schreibtischen. An Ampeln parken Autos mit herunter gedrehten Seitenscheiben neben uns und verströmen die gleiche Duftkeule. Die ausgegossene und mittlerweile geronnene Milch, das nasse stinkende Hundefell, die in Plastikschuhen steckenden Stinkefüße oder die abgebrochene Raucherabstinenz sollen als große Geheimnisse gehütet werden und rücken dadurch nur noch offensichtlicher in den Fokus. Oder ist es schlichtweg der Duft der großen weiten Welt, der in Form von Duftbäumchen die Karibik in den alten schäbigen Nissan zaubern soll?
Die Welt ist rund. Rund wie ein Fußball. Und Chile ist in seiner Euphorie auf die kommende Fußball-Weltmeisterschaft auf dem schwarzen Kontinent nicht zu bremsen. Die Regale in den großen Kaufhäusern sind bis zum Bersten mit Merchandisingartikeln gefüllt (ins deutsche übersetzt Werbeartikel). Denn Chile steht nach drei versäumten Qualifikationen endlich wieder auf dem Platz, der die Welt bedeutet: dem Fußballplatz. 12 Jahre ohne internationalen Stolz auf seine Nationalmannschaft lässt die größte Hürde überwinden und die tolerante Brust der Chilenen schwelgen. Denn der lang ersehnte Erfolg der Qualifikation brachte kein Geringerer als ein argentinischer Trainer "el loco" Marcelo. Das wäre so ähnlich, als würde vor dem Nachnamen unseres Bundestrainers ein holländisches "van" stehen, der Masseur wäre der beste Freund von unserer "Westerwelle" und das Finanzielle regelt der Kassenwart griechischer Abstammung. Vielleicht wird dem Trainer ja noch die chilenische Ehrenstaatsbürgerschaft angeboten, um diesen kleinen aber entscheidenden Schönheitsfehler auszumerzen.
Unsere Reise von Patagonien in Richtung Norden wurde von uns zwangsläufig durch Argentinien geplant. Nach dem schweren Erdbeben am 27. Februar 2010 hatten sich die Fernsehbilder tief und tränenreich in unsere Gedächtnisse gegraben. Verheerende Bilder, die die emotionale Wirkung nicht verfehlten und Chile hilflos, zerstört und von der Naturgewalt überrascht aussehen ließ. 7 Wochen nach dem Erdbeben fuhren wir auf der logistischen Hauptader der "Ruta 5" von Osorno nach Santiago. Wir hörten dieses Mal nicht auf die internationalen Medien, sondern auf die einheimischen Chilenen. Ja, das Erdbeben war traumatisch und verheerend, der darauf folgende Tsunami tödlich. Die Einzelschicksale traurig und bemitleidenswert. Die Erinnerungen an die längsten 3 Minuten beängstigend. Aber Chile war darauf vorbereitet, hat in kürzester Zeit das alltägliche Leben wieder zum Pulsieren gebracht und durch viele Maßnahmen im Vorfeld das Schlimmste verhindert. Hut ab! Ein schaler Geschmack bleibt bei den Erinnerungen an die ersten katastrophalen Bilder im Fernsehen, die ein am Boden liegendes Chile zeigten. Aber kann sich ein so dargestelltes Land in der Rekordzeit von 7 Wochen und nur 70 Kilometer vom Epizentrum entfernt so schnell wieder erholen und aufbauen? Wohl eher nicht. Seriöser und tiefgründiger Journalismus ist wohl nur noch eine Wunschvorstellung im heutigen Medienkarussell der Emotionen. Die blutrünstigen Schlagzeilen der ersten Sekunden zählen und nicht die "veralteten" Bilder von den Wochen danach. Schade, denn gerade diese Bilder sind nachhaltig prägend, könnten die Angst vertreiben und machen Mut zum Leben.