"Regen- die flüssige Sonne Patagoniens"
Unsere Camper-Verkaufsanzeige im Internet hätte lauten können: "abzugeben mit nagelneuen Scheibenwischer- nach 2,5 Jahren Reise". Deshalb ist der zu beschreibende Frust über Regen so klein wie ein Katzenfloh groß ist. Den Katzenjammer vieler oder sogar der meisten Reisenden können wir uns trotzdem bildlich vorstellen. Wie eine begossene Katze hängen die nassen Klamotten zottig an der noch mieseren Stimmung herunter. Der Geruch im Camper stinkt zwar nicht so erbärmlich wie ein nasser Hund, aber Frische und vor allem trockene Luft riecht dann doch anders. Es kommt irgendwie auch gar nicht auf die unglaublichen Regenmengen an, sondern auf die Verschnaufpausen dazwischen. Ein wenige Sonne, um alles im Schnelldurchgang zu trocknen, das Zelt und die Wäsche trocken einzupacken ohne dass es sich im Schimmelbiotop in seine Einzelteile zerlegt oder einfach seine kalten Gliedmaßen der Sonnenwärme entgegen zu strecken, damit sich das kleine Gehirn diesen Luxus für einige Tage merken und innerlich aufheizen kann.
Auf der Carretera Austral sind die trockenen Tage normalerweise an einer Hand abzuzählen. Der schöne Nebeneffekt ist allerdings die unglaublich grüne Vegetation. Riesige Blätter, die streckenweise den Weg zu einem Tunnel verengen, durch die ein unbeschreiblich schönes Licht fällt und die zum Unterschlupf- oder Höhlenbauen unschlagbar wären. Wären da nicht die unterseitigen Dornen, die das wahre Gesicht der rauen Natur zeigen.
Unsere Fahrt ist mal wieder einmal von gutem Wetter gesegnet, bis wir an einer Kreuzung statt nach rechts in Richtung Puerto Aisen, die gegensätzliche Richtung nach Coihayque einschlagen. In der einen Sekunde ist die Straße trocken, in der nächsten Sekunde scheinen uns außerirdische Flugobjekte mit Wassereimern zu verfolgen. Der Scheibenwischer hebt beinahe aus seiner Halterung und läuft von der rasanten Geschwindigkeit ganz schwindlig. Wir suchen die nächste Möglichkeit des Campens auf und lachen über den Einfallsreichtum der Forstbehörde, die Besitzer dieses gefluteten Stückchens Erde ist. Jeder einzelne Campingplatz besitzt nicht nur einen Unterstand mit Grill, Holzbänken- und tischen, sondern dieser ähnelt eher einem bundesdeutschen Carport. Uns gegenüber steht eine kleine Hütte und wir vermuten, dass auch hier die Umstellung von Zelt-Camping auf kleine Ferienhütten (Cabañas) schleichend vollzogen wird. Das Angebot nach komplettem Wetterschutz wird der Nachfrage angepasst. Pustekuchen, denn dies ist nur die patagonische Antwort auf den Dauerzustand Regen. Unsere Nachbarn tragen komischerweise auch deshalb ihre Campingausrüstung in die mit Fenstern und Türen ausgestattete Hütte. Der Blick in die Hütte erinnert an unsere Kindheit, wo das größte Abenteuer in einer gemütlichen Deckenhöhle zu finden war. Unsere Nachbarn haben wie selbstverständlich ihre Zelte in der Hütte aufgestellt. Der Gaskocher köchelt leise vor sich her. Im Kamin brennt ein romantisches Feuer und die durchnässten Klamotten hängen wie beim "Weißer Riese-Waschtag" auf der Leine. Vielleicht mögen wir deshalb auch so sehr das Campen. Einfach mal wieder zu seiner kindlichen Improvisation zurückkehren, um Unterstände und Höhlen für Erwachsene zu bauen. Und Gründe lassen sich immer finden- und wenn es nur die kleinen Regentropfen sind.