"Windschiefe Holzhäuser, stürmischer Regen und trotzdem nur ein bisschen grau"
Die meisten der ärmlichen Holzhäuser haben schon seit Jahren keinen neuen Farbanstrich mehr bekommen. Die Fenster sind im eisigen Wind einfach verglast und der Wind pustet durch alle Ritzen. Die verwitterten Holzschindeln an den Fassaden und auf den Dächern trotzen ihren Bestimmungen und biegen sich in alle Richtungen, nur nicht in die, die das regengeschüttelte Haus schützen könnten. Sie sehen trotzdem schön aus und jedes zweite Haus hat eine unterschiedliche Schindelform. Mal gezackt, mal rund, mal eckig. Ist das verrottete Holz dann gar nicht mehr zu reparieren, dann wird mit großen Blechplatten versucht, das Haus vor dem Zerfall zu schützen. Früher gab es auf der patagonischen Insel Chiloé ausschließlich Holz als Baumaterial, was dieser Insel auch ihren besonderen Charme verleiht. Aber der Baum und damit sein Holz sind so vergänglich wie das menschliche Leben. Und da es auf dieser rauen Insel zwar massenhaft Regen gibt, aber kein Geld, ist der Verlust dieses Charakters eigentlich nur noch eine Frage der Zeit. Die Hälfte der Bewohner leben mehr recht als schlecht von der Landwirtschaft. Die andere Hälfte vom aussichtslosen Fischfang, oder ein Mix aus beidem. Und da beide zu den brotlosen Künsten dieser Welt zählen, obwohl paradoxerweise die ganze Welt Fleisch und Fisch und Gemüse isst, wird nun auf den letzten Notnagel Tourismus gehofft. Dabei kann diese kleine Insel neben seinem Charme auch noch eine offizielle Auszeichnung in die Waagschale werfen: die der UNESCO. Diese hat in den 80er Jahren einige der Holzkirchen aus dem 18. Jahrhundert unter ihren besonderen Schutz gestellt. Die Ausschließlichkeit des Baumaterials Holz ist zwar mittlerweile kaum mehr gegeben, aber besonders sind die Kirchen tatsächlich. Sie verströmen eine ungewohnt freundliche Atmosphäre in ihrem Inneren. Das warme Material Holz haucht der kalten Institution "Kirche" Leben ein. Die Stimmung besänftigt uns und sogar wir können in diesem Fall den leidenden Jesus im lila Frauenkleid, der blutend das Kreuz schultert, schmunzelnd ertragen. Leider bringt der Titel der UNESCO nicht unbedingt das nötige Kleingeld in die Gemeindekassen, um den unaufhaltsamen Verfall zu stoppen. In Nercón wird die marode Kirchenfassade mit großen Holzbalken wie auf riesigen Krücken gestützt und im Park ringsherum wuchert das mannshohe Gestrüpp und lässt die Grabsteine unter sich verschwinden.
In vielen Gärten der Holzhäuser trocknen Reusen und Netze im Wind. Immer weniger Fischer gehen allerdings mit ihren kleinen Holzbooten zum Fischen aufs Meer hinaus. Der industrielle Lachsfang und die Lachszucht sind gigantisch und verdrängen die selbständigen Fischer sukzessiv. Viele haben die harte Arbeit des Fischers gegen einen Fabrikjob getauscht. Und so vermissen wir traurig die in den bunten Werbeprospekten angepriesenen "Markthallen". Die Gebäude gibt es noch, allerdings die Hauptattraktion den authentischen Fischverkäufer nicht mehr. Dieser wird in kleine abgelegene Plastikzelte, wie in Ancud, abgeschoben und fristet sein Leben neben einer großen Supermarktkette. Seinen Platz in der früheren Markthalle teilen sich mittlerweile zahllose "Artesania-Verkäufer" (Kunsthandwerk). Frauen, die zwar ihre Stricknadeln in Händen halten, aber teilweise ihre Ware aus der Weltfabrik China beziehen.
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