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"Aber nicht nur die Deutschen kamen"

sondern auch die Briten, Iren, Franzosen, Italiener, Kroaten und Palästinenser. Ein bunter Nationenmix, der sich mit der Aussicht auf ein besseres Lebens als im krisengeschüttelten Europa verbündet hat. Beim Lesen des Ortes "Nueva Braunau" trauen wir dann doch unseren Augen nicht. Soll damit tatsächlich der braunen Geburtsstätte Adolfs geehrt werden? Soviel Unverfrorenheit bei der Namensgebung schockiert selbst hier in Chile. Aber auch diese Ortsgründer sind bereits im 19. Jahrhundert aus einem anderen Braunau ausgewandert, waschen ihre Hände in Unschuld und eben nicht in einer braunen Brühe.
Entlang der Seen stoßen wir nicht nur auf Erfolgsgeschichten, sondern auch auf gestrauchelte deutschverwurzelte Existenzen. Der Bonus des Deutschen scheint mit den Jahren aufgezehrt zu sein. Viele können ihr "Urlaubsgefühl" nicht konservieren, haben ihr Geld investiert und müssen folglich bleiben. Nachbars Garten ist eben doch nicht immer grüner. Auch nicht in Chile. Besoffene und verlotterte Campingplatzbesitzer, die ihr deutsch zum Besten geben, lassen uns schnell das Weite suchen. Obwohl beim Trinken des "guten Biers" von Kunstmann die starke Alkoholfahne fast verständlich ist. Bierbrauen können die Deutschen eben auch. Und davon fließt reichlich beim jährlichen Bierfest, dass auf der Südhalbkugel eben nicht im deutschen Herbst, sondern im chilenischen gefeiert wird. Im Deutschen Club am Llanquihue See werden wir herzlich vom Hausmeister Don Juan aufgenommen. Selbstverständlich erst nach Rücksprache mit einem Präsidenten. Ordnung muss sein. Und stolz erzählt er uns vom großen Bierfest. Bierfeste kennen wir, aber die riesigen Grills im Clubheim lassen uns lechzend auf die gegrillten Leckereien glotzen. Unsere bundesdeutschen Schwenkgrills sehen im Vergleiche dazu aus, als würden sie nur Vegetarier verköstigen oder irgendwelche Tofubratlinge verbrutzeln. Mit dem chilenischen Nationalgetränk Piscola (Pisco und Cola) und einem leckeren "Asado“ werden wir von unserem kleinen Deutschtrauma geheilt. Wir stehen mitten zwischen lebensfrohen, offenen Chilenen, die zwar auf die deutsche Schule gingen, Mitglieder im Deutschen Club sind, aber ansonsten ebenso wenig deutsche Wurzeln in sich tragen, wie das amerikanische Nationalgericht "Hamburger" (das englische Wort ham; ihr wisst schon). Diese Chilenen respektieren und achten den kolonialisierten Ursprung ihrer Region und nutzen die Vorteile einer guten Ausbildung in deutschen Schulen. Mit einem Piscoschweren Kopf haben wir uns schließlich nach einer durchgequatschten Nacht mit einem herrlichen Blick auf den Vulkan Osorno mit dem "chilenischen Deutschtum" versöhnt.
Zum Glück gibt es in unserer Heimat, dem existierenden Deutschland eine Entwicklung. Die ist nicht immer zum Guten in allen Bereichen, aber zumindest ist es ein lebendiger Prozess. Konservierung ist wie bei allen Dingen immer nur für eine bestimmt Zeit möglich, sinnvoll und gut. Nach dem Verfallsdatum schmeckt das Essen doch auch fade und setzt Schimmel an, trotz Konservierung. Warum sollte es im richtigen Leben anders sein, als bei der guten "echt deutschen" Leberwurst im Glas?

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