"Wir schlafen in dieser scheinbaren Idylle schlecht"
Wirre Träume schleichen sich in unseren unruhigen Schlaf und wir kriegen die Gedanken auf keine andere Sache als die "Colonia Dignidad" fokussiert. Wir bleiben trotzdem. Denn jeden Tag entwickelt eine andere Person langsam Interesse an uns und verbringt Zeit mit Erzählungen. Trotz des perfekten Klimas und der traumhaften Lage sehen ihre Bewohner gequält und erschöpft aus. Tiefe Augenringe, eine fahle Gesichtsfarbe und der immer währende Blick auf die Armbanduhr trügt die Idylle. Der freundliche H. erzählt uns, dass er es nicht ablegen kann, immer zu arbeiten und immer auf "dem Sprung" zu sein. Es gab keine Verschnaufpause und so kann er auf unser Gespräch erst eingehen, als wir seinen innerlichen Kampf mit der Zeit offen ansprechen. Erst dann nimmt er sich "seine eigene Zeit", um uns herumzuführen und seine Geschichte zu erzählen. Von der Feier am See, als der verkleidet Weihnachtsmann über Bord fiel und damit für immer "ersoffen" ist. Paul Schäfer wollte kein Weihnachten feiern und das war sein grausamer Trick. Er zeigt uns das einfache Zimmer von Schäfer und erzählt flüchtig, dass "der Tempel" im Zorn von Sektenmitgliedern nach der Festnahme Schäfers verstört wurde. Der "Tempel" für die perversen Spiele, der immer wieder vor Augen gehalten schmerzliche Erinnerungen weckte.
Wir versuchen nicht, die Kennengelernten in das typische Opfer-Täter-Schema einzuteilen und für jeden die passende Schublade zu finden. Wer gehörte zu den "Wissenden"? Wer hat wie mitgemischt? Die Frage, wie Opfer und Täter heute wieder Tür an Tür zusammen leben können, wird uns auch nicht beantwortet werden. Und die von der deutschen Regierung eingesetzten Psychologen bilden eher einen aussichtslosen Versuch mit Alibicharakter. "Man hat sich ausgesprochen", erzählt J. uns von der Täter-Oper-Bewältigung. Oberflächlich verdrängen und scheinbar vergessen kann ein mögliches Lebensmotto sein. Die Opfer sind auf jeden Fall vom Alter her betrachtet augenscheinlich. Die Ungerechtigkeit und das Leid der Opfer schreit bis zum Himmel, über die perfekt geschnittene Hecke, den gehakten Kiesweg, die neu gestrichenen Parkbänke, die weißen Seerosen im Teich, bis zu den "Drei Gipfeln", die das Ende des riesigen Sektengeländes markiert, hinweg.
Das gesamte Konstrukt der Sekte ist undurchschaubar und kann mit den grausamen Stichpunkten beschrieben werden: vertuschte Morde, geheime Folter, Geld bringende Waffen- und Drogenschiebereien, absolute Isolation, naive Frömmigkeit, diktatorische Führung, zerbrochene Familien, ausgelöschte Träume, scheinheilige Idylle, deutsche Gründlichkeit. Pinochet und Strauß (wird gemunkelt) waren ebenso glühende Verehrer und Freunde wie andere hochrangige Politiker. Das Gewirr aus Lügen und geheimen, internationalen Machenschaften ist noch längst nicht geklärt, die wenigen gefundenen Konten eingefroren und auf das gesamte Gebiet der "Villa Baviera" ein Embargo verhängt.
Wie so viele Begegnungen werden dieser Ort und ihre Bewohner uns nachhaltig berühren. Das vordergründig scheinbare Paradies, was uns besonders an die jüngste deutsche Geschichte der Nazizeit und der DDR erinnert. Das fatale und doch bekannte diktatorische, totalitäre Verhaltensmuster, was leider immer und überall auf der Welt funktioniert. Gestern wie heute.
Weiterführendes:
www.deutsche-seelen.de
www.sueddeutsche.de
DeutscheSeelen.pdf