"Im Zuge des aufflammenden Tourismus haben sich auch die Argentinier auf ihre Ureinwohner rückbesinnt"
Traurigerweise gibt es von den südlichsten Ureinwohnern, den Yahgan, nur einen kleinen einsamen Rest. Kolonialisierung, Missionierung und eingeschleppte Krankheiten haben wie überall auf der "eroberten" Welt diese Menschen ausgerottet. Ein Schild am Rande des Dorfes weist auf ihre letzten Ureinwohner hin. Andere sozial gedachten Bauprojekte sind bereits abgerissen und die Materialien praktischeren Zwecken zugefallen, denn Brenn- und Bauholz wird überall gebraucht.
In den Straßen neben den bunt gestrichenen Holzhäusern stehen wenige Autos. Wofür auch. Denn die einzige Straße ist wenige Kilometer lang und die Wege zum nächsten Nachbarn im Ort kurz. Die Stimmung im Ort würden viele mit gottverlassen beschreiben. Wir saugen die Langsamkeit auf, werden für zwei Stunden von einem Hund als seinen Besitzer adoptiert, schlendern wahrscheinlich immer noch viel zu schnell durch den südlichsten Ort der Welt und trinken in einer fröhlichen Runde fast zu viele Biere. Ein unspektakulärer Ort, der gerade deshalb besonders ist.
Auf dem Rückweg mit dem Frachter ist der Reiseweg zeitversetzt. Die von uns verschlafenen Landschaften der Anreisenacht ziehen nun tagsüber an uns vorbei. Ushuaia genauso wie die wunderschöne "Cordillera Darwin" mit seinen Gletscherbehangenden Bergen. Haben wir einige Gletscher auf der Hinfahrt im spätabendlichen Nebel gesehen, strahlen sie nun im Nachmittagslicht. "Romanche, Alemania, Francia, Italia und Holandia" heißen einige. So unterschiedlich ihre Namengebenden Länder aussehen, so individuell zeigen sie sich auch hier. Deutschland (Alemania) fließt gewaltig wie eine Autobahn ins Wasser; Holland (Holandia) eher klein, versteckt aber gewaltig. Und die vielen unzähligen Gletscher, die überall in den Bergfelsen hängen, sind erst gar nicht benannt worden.
Und dann bekommen wir das, was auf keiner Schiffsfahrt fehlen darf. Eine heiße Suppe in der Messe, die uns nach Stunden an Deck von innen aufheizt. Während wir noch in unseren Gedanken schwelgen, dass es hier tatsächlich viele unberührte Flecken gibt, stoppt unser Kapitän die Motoren und wir legen an. Polizisten mit Fellmützen nach Russenart genießen sichtlich die Abwechslung unseres Besuchs. Schichtwechsel im Nirgendwo in "Yendegaia". Einer springt mit seiner voll gepackten Tasche an Bord, ein anderer wird abgeladen. Seine Kollegen begrüßen ihn mit einer festen, herzlichen Umarmung. Wo wenige Menschen aufeinander hocken, da ist der Wert des Einzelnen wohl noch offensichtlicher. Bei unserem Zwischenstopp werden außerdem Hightech-Kajaks von der "Patagonia Expedition Race" eingeladen. 14 Teams schlagen sich einmal im Jahr auf einer Strecke von 700 km auf Mountainbikes, laufend und im Kajak durch Patagonien. Helikopter gedrehte TV-Übertragungen mit Sponsorenlogos vom Ende der Welt in den Rest der Welt, der auf dem Sofa sitzend zu schauen kann.
Ein 2 X 250 PS-starker Zodiak aus Norwegen ist ebenso auf unserem Frachter. Sein wohlhabender skandinavischer Besitzer ist in 2,5 Stunden von Puerto Williams zum Kap Horn "geflogen" und hat auf dem Rückweg doch das komfortablere Flugzeug gewählt. Patagonien. So extrem die Natur ist, so extrem sind einige Menschen, die sich von ihr angezogen fühlen.
Waren wir in Alaska noch von der Unerreichbarkeit der Naturparks enttäuscht, fällt uns die Erkenntnis jetzt wie Schuppen von den Augen. Der Mensch akzeptiert keine Grenzen, die ihm die Natur auferlegt. Das ist eher ein Ansporn, um in die entlegenen Winkel der Welt zu gelangen. Alles ist möglich. Die Hutnadeln müssen gesammelt werden, egal was es kostet und wie sinnvoll es ist. Und so sprießen Antarktis-Expeditionen in diesem Teil der Welt aus dem Boden und bringen Menschen an Orte, die diese Art des Tourismus ganz bestimmt nicht brauchen. Erfreuen wir uns doch einfach auf dem gemütlichen Sofa über die wundervoll gedrehten Tierfilme und -dokumentationen mit einem heißen Tee in der Hand. Erwärmen wir uns doch stattdessen an der Gewissheit, dass zwar alles möglich ist, wir die Natur in empfindlichen Ökosystemen aber lieber so respektieren, wie sie es verdient. Nämlich ohne uns Menschen und damit in sicherer Entfernung.