„Die Unvergessenen und ihre starken Frauen“
Die Erinnerung an die Militärdiktatur von 1976 bis 1983 hat an diesem Donnerstag, den 17. Juni 2010, wie auch an jedem Donnerstag in der Woche um 15.30 Uhr viele Gesichter. In der ersten Reihe alte vom Leben gezeichnete Frauengesichter. Erst in den hinteren Reihen durchmischen sich die Generationen und junge Gesichter tauchen in der überschaubaren Menge auf. Wir sind tief bewegt von der kraftvollen Atmosphäre, die von der wöchentlich stattfindenden Demonstration auf dem Platz „Plaza de Mayo“ vor dem Regierungspalast in Buenos Aires ausgeht. Das Schicksal und die Ursache, die die zusammen kommenden Menschen zusammen schweißt sind tränenreich. 500 Kinder bzw. junge Erwachsene sind während der vergangenen Diktatur systematisch von der damaligen Regierung entführt worden und für immer verschwunden. Einige wurden gefoltert, umgebracht, aber auch grundlos in Waisenhäuser verfrachtet oder von Militärfamilien zwangsadoptiert. Banale Gründe wie die Mitarbeit im Schülerrat reichten aus. Und das Ergebnis war immer das Gleiche: zu Tode geängstigte Familienangehörige und damit verwaiste Eltern und Großeltern, die keine Auskünfte bekamen und der grausamen Ungewissheit überlassen wurden.
„Aus der gesättigten, sorglosen, überaus gut erzogenen argentinischen Hausfrau wurde nach und nach, mit jeder verschlossenen Tür, mit jeder unverschämten oder bedrohlichen Antwort, eine Mutter, die verzweifelt um das Leben ihres Kindes zu kämpfen begann (Auszug Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.).“ Irgendwann trafen sie sich zufällig in den langen Fluren vor den Behörden, die ihnen die Auskunft verwährten. Sie hörten von einander und erfuhren, dass sie kein Einzelschicksal darstellten. Von da an mobilisierten sie sich vor dem „rosa Haus“ der Herrschenden in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Ihr Symbol ist seitdem das weiße Kopftuch. Die Farbe weiß als Synonym für die Unschuld, aber auch die Farbe des Lebens. Demonstrierende Mütter verschwanden in den Anfängen oder wurden wie ihre Kinder verhaftet und gefoltert. Aber die Frauen fuhren mit ihrem Protest, mit ihrer Forderung nach Aufklärung und mit ihrer Anklage fort. Bis heute.
Eine Frau verliest an dem heutigen Donnerstag über ein mit gebrachtes Mikrophone die Namen der Vermissten. Was mag das Verlesen und Hören des geliebten, vermissten Menschen auch noch nach einer so langen Zeit in den Köpfen der betroffenen Frauen auslösen? Nach jedem Namen ertönt das Echo der Demonstranten: „presente“. Einige alte Frauen mit weißem Kopftuch ballen ihre zart wirkenden und doch so kraftvollen Fäuste in die Luft. Ihre Haut ist durchsichtig wie Pergamentpapier und von dunklen Altersflecken gesprenkelt. Um ihre Nacken hängen an Kordeln die verblassten schwarzweiß Fotos ihrer Vermissten. Alle Kameras und Fotoapparate der Zuschauenden sind dabei ungeniert und hautnah auf sie gerichtet; auf jede Falte und jede Emotion. Ein wenig Privatsphäre bewahren sie sich durch das Tragen großer, dunkler Sonnenbrillen. Der direkte Blick in die verletzte Seele bleibt somit doch ein stückweit verwährt. Aber das ist ihr Schicksal seit vier Jahrzehnten und der hohe Preis für ihre Hoffnung auf Aufklärung. Denn sie benötigen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und die damit verbundenen Spenden ebenso, wie ihren festen Glauben zum Weiterleben. Das Rätsel von 83 Vermissten konnte in der langen Zeit gelöst werden, auch Dank der modernen und teuren DNA-Analyse. 83 Einzelschicksale, aber damit auch 83 Familien mit ihren Angehörigen, die endlich Gewissheit erlangen durften.
Die Mütter, die „Madres de la Plaza de Mayo“, sind im laufe der Jahrzehnte zu einer anerkannten Menschenrechtsorganisation geworden, die durch ihre friedliche Demonstrationsform und der Beharrlichkeit die Weltöffentlichkeit auf sich gezogen hat. Aber sie sind mittlerweile so viel mehr als „nur“ auf der Suche nach ihren Angehörigen und den Verantwortlichen. Es geht um die Wahrheit ihrer Historie, um die Aufarbeitung ihrer argentinischen Vergangenheit, die nie statt gefunden hat; das traurige Schicksal dieses Kontinents und vor allem das Ziel der herrschenden Gesellschaftsschicht, die im Verdrängen, Vergessen und Ignorieren der Vergangenheit die einfachste Lösung sieht. Aber auch wenn die Fotografien der Vermissten langsam verblassen und die Frauen mit ihren weißen, bestickten Kopftüchern nach und nach selbst zu Grabe getragen werden, ihr Symbol wird ewig bestehen bleiben. Und nicht nur am Donnerstag.