" Buenos Aires- der Stadt der guten Luft geht verdammt die Puste aus"
Es liegt noch Frühnebel über der Stadt, als sich unsere Fähre aus Uruguay kommend der Metropole annähernd. Die ersten Hochhäuser erscheinen vor dem Schlamm farbenden Fluss "Rio del la Plata" und seinen angrenzenden grünen Parks. So langsam, wie wir uns der Stadt nähern, umso schneller katapultiert uns diese wieder heraus. Siebenspurige Autobahnen, die jedoch noch immer romantisch Avenidas genannt werden, führen uns gegensätzlich zum morgendlichen Arbeitsverkehr durch seine 13 Millionen Einwohner hindurch. 1/3 der gesamten argentinischen Einwohnerzahl hängt sich hier mehr oder weniger eng auf der Pelle. Davon 3 Millionen im privilegierten und kolonialen Zentrum. Der Rest ringsherum. Wir verbringen die erste Zeit im südwestlich liegenden Stadtteil um den Ort Burzaco herum und lernen unsere neue Nachbarschaft kennen. Unsere Gesellschaft im Bus sind die vielen jungen Mütter, die sich in der Selbstkasteiung des Gesichts-Piercings einen kleinen Ausweg aus ihrem tristen Alltag ersehnen und ihre nicht ausgelebte Jugend nachholen. Viele der unter Dreißigjährigen zwängen ihre verwahrloste Fettleibigkeit resigniert in bequeme Trainingshosen. Ihre ebenso verfetteten Kinder haben wie sie die kindliche Freude aufs Leben verloren und schauen uns aus verquollenen Augen an. Kein niedlicher Kinderspeck, sondern eine Zentimeter dicke Frustschicht, die sämtliche kindliche Züge aus den Kindergesichtern verschwinden lässt. Der permanente Geräuschpegel des Auto- und Lkw-Verkehrs in diesem Randgebiet hält ungebremste 24 Stunden am Tag an. Die Resignation macht auch vorm Akzeptieren der Müllberge kein Halt. Ausgekippte Lkw-Ladungen mit stinkendem Müll türmen sich wie selbstverständlich in den Straßengräben oder direkt auf der Straße und faulen zum Himmel stinkend unbeachtet vor sich hin. In dieser Wohngegend hat jeder wenig und das Wenige wird mit Fenstergittern und Zäunen gesichert. Je weiter wir uns mit der Metro dem Zentrum nähern, umso höher, jedoch auch edler werden die Gitter und umso stärker wird die durchgejagte Stromladung.
Eine Dreiviertelstunde sitzen wir in der Metro, die verteilt auf das gesamte Umland wie ein Spinnennetz nach Buenos Aires führt. Von der viel gepriesenen argentinischen Lebensfreude ist in dieser stickigen Bahn nichts zu spüren. Egal ob Frau oder Mann, jeder hält seine Habseligkeiten wie Rucksäcke und Taschen skeptisch vor der Brust geschützt und immer im Blickfeld. Ein Hinweisschild mit der Aufschrift "Abteil desinfiziert" verspricht wohl mehr als es tatsächlich hält. Die schlechte Wirtschaftsituation des Landes und die lähmende Inflationsangst haben eine zu spürende emotionale Krise ausgelöst. Ihre erfolgreichen südamerikanischen Nachbarländer feixen sich einen und ziehen auf der Überholspur an dem ehemals zu den reichsten Ländern der Welt zählenden Argentinien vorbei. Es offenbart sich die schlimmste Art der Armut inmitten einer globalen Konsumgesellschaft. Teilweise entwürdigt, größtenteils perspektivlos, ohne die Geldmittel, um zur "Gesellschaft" dazu zu gehören, aber mit den gleichen materiellen Wünschen. Ob Favelas in Brasilien, Townships in Südafrika, Villas miseras in Argentinien; politische, wirtschaftliche und vor allem gesellschaftliche Lösungen sind nicht in Sicht oder liegen auch nicht im näheren Fokus.
Und so reihen sich die wartenden Bewohner von Burzaco in die nicht enden wollende Menschenschlange vor den wenigen Geldautomaten ein. Mit der Hoffnung auf gezahlte Gehälter und Sozialleistungen oder nur um der Maschine die letzten 20 Pesos (4 Euro) aus dem Geldschlitz zu entlocken. Schweigsam wird angestanden. Immer das gleiche Ritual der Argentinier. Denn wenn Geld auf dem Bankkonto ist, dann gleichen die Supermärkte einer Kirmes mit ausgelassener Volksstimmung und die Einkaufskörbe quellen über. Am Monatsende herrscht Katzenjammer und ein Taxifahrer erklärt die leeren Straßen in Buenos Aires damit, dass kein einziger Centavo für Treibstoff in den tiefen Hosentaschen mehr zu finden ist. Kein Geld, kein Treibstoff für den Wagen. So ist es eben. Es sein denn, es ist Dienstag, der 22.Juni, 14.30 Uhr Ortzeit in Buenos Aires und ihr Fußballgott Diego Maradona lässt den Nationalstolz kurzfristig aufflammen. Nichts bewegt sich mehr, kein Auto sucht sich seinen Weg durch die Straßenschluchten und die Geschäfte haben ihr "geschlossen"-Schild aufgehängt. Alle sitzen mit angespannter Mine vor dem Fernsehen. Mangelnde Arbeitsmotivation, kollektiver Wahnsinn oder einfach die viel beschriebene und kurz zurückgekehrte Lebensfreude? Wir halten zum Glück an dem Tag fünf Minuten vorm Anpfiff des Fußball-Weltmeisterschaftsspiels unsere Zollpapiere im größten Hafen Südamerikas in Händen und sehen wie sich die Schranken bereits zum Schließen senken. Die Sicherheitskräfte verlassen kollektiv ihren Platz. Die Kugelschreiber fallen demonstrativ und lautstark auf die Schreibtische. "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel" und so lange kann der Alltag einfach mal ruhen. Denn zurzeit gibt es wenig zum Lachen oder zur Freude. Oder wie Maradonas Landsmann und sein großes Idol "Ché" bereits propagierte: "Hasta la victoria siempre. Immer bis zum Sieg". Und wenn es nur der schlichte Sieg eines Fußballspiels ist.
Anmerkung: als wir bereits wieder in Deutschland sind, putzt die deutsche Nationalmannschaft die argentinische mit 4:0 vom Platz. "Maradona, Kirchner und Co. geschlagen". Sie stehen traurigerweise, jedoch symptomatisch für das heutige Argentinien.