8 5 4 2
9
>
> Home > Wohin > Argentinien > merkwuerdig
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

„Merkwürdig oder einfach des Merkens würdig“

Es wäre böse, wenn wir die Argentinier mit dem Sammelbegriff „Maradona, Kirchner und Co.“ titulieren würden. Aber die einfach strukturierten Charakterzüge ihrer Führungspersönlichkeiten kommen nicht von ungefähr. Jedes Volk bekommt die Präsidentin, die es verdient hat. Das selbige mit dem Fußballnationaltrainer, oder? Oder was bedingt was oder resultiert daraus? Die einfache Frage lautet wie immer: „War erst das Ei da oder doch die Henne?“
Und so zeigen sich die argentinischen Camper als Rudeltiere, die im kollektiven Klüngel und mit primitiven Hilfsmitteln wie der Autostereoanlage eine gesamte Ortschaft aufmischen können. Nicht lebensfroh und feierlustig, wie der Mythos verspricht, sondern eher wie der nette Fernsehprolet von nebenan im „Big Brother-Container“. Rücksichtnahme oder Bescheidenheit ist nicht die gängige Umgangsform der Argentinier. Jedoch ist alles immer noch mit einer Prise Freundlichkeit gewürzt, so dass ein Schmunzeln beim ausländischen Touristen leicht über die Lippen kommt und nicht im frustrierten Hals stecken bleibt.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass der lateinamerikanische Besitzanspruch im Rudel durch das Setzen von Markierungen funktioniert. Der argentinische Macho pinkelt dafür zwar nicht, legt sich jedoch mit seiner ganzen Männlichkeit über die zierlichen Schultern seines Frauchens und signalisiert animalisch „ist meins“. Der Arm liegt dabei selbstverständlich lässig auf seinem Besitz. Das ist vor der Hochzeit und ohne die Markierung durch einen auffälligen Ehering gängige Praxis. Allerdings lässt sich nach der Hochzeit die zierliche Frau auch schwer umarmen. Denn die zierliche, angebetete, gern rosa gekleidete Prinzessin verwandelt sich in der langweiligen Provinz nicht selten in kürzester Zeit in einen unansehnlichen und fast platzenden Frosch, der dem Männchen den Status des Alphatiers im Rudel streitig macht.
Ein besonderes Ritual ist am Monatsanfang in den Supermärkten zu beobachten. Die Rudeltiere machen ihren Ausflug in die Kommerzhallen inmitten der vielen bunten Regale. Mit neu verdientem Geld bewaffnet werden die Einkaufswagen bis zum Überlaufen voll geladen. An der Kasse kommt dann das selbstbewusste Erwachen, dass der Geldbeutel nicht unendlich Pesos ausspuckt. Ungeniert werden auch tief gefrorene Lebensmittel der Kassiererin zurückgegeben. An den Hochtagen ist eine Mitarbeiterin unermüdlich damit beschäftigt, die Berge an verwaisten Produkten von den Kassen einzusammeln. Unterdessen herrscht weiterhin Volksfeststimmung in den Einkaufstempeln. Kaufen, äh shoppen bis die Schwarte kracht. Verpackungen von leckerem Käse, süßen Nutellagläsern oder anderen kulinarischen Köstlichkeiten werden heimlich geöffnet und sich gratis verköstigt. Warum sollte dabei auch das schlechte Gewissen plagen? Die „Nehmer-Mentalität“ ist ausgeprägt und macht auch vor den Staatsbediensten kein Halt. Korrupte Polizisten in den Provinzen „Entre dos Rios“ oder „Missiones“ machen ihrem schlechten Ruf alle Ehre und bei unserem offensichtlichen Reisefahrzeug keine Ausnahme. „Aber wie man in den Wald ruft, so schallt es wieder heraus.“ Mit einer proletenhaften Freundlichkeit und Kaltschnäuzigkeit „Made in Argentina“ lassen wir die Polizisten erfolglos im Staub stehen und unser Adrenalinspiegel bleibt konstant niedrig.
Außer wir stecken in einer argentinischen Verkehrsberuhigungs-, Umleitungs-, Abbiegungs-, Entzerrungsfalle irgendwo auf dem platten Land fest. Unsere mit deutscher Logik gefüllten Gehirne entziffern die unzähligen Schilder im Metertakt nicht mehr und unsere Verwirrtheit lässt unseren „internen Diskussionsbedarf“ kurzzeitig ansteigen. Rote Pfeile heben weiße Pfeile auf. Oder die roten etwa die weißen? Weitere Schilder sollen irgendwelche ungenauen Verkehrsschilder zusätzlich erklären. Eine Erklärung für die Erklärung, damit sich die Erklärung mit Hilfe der Erklärung erklärt. Uns wird schwindlig! Und das teilweise auf menschen- und autoleeren Straßen, die an Prachtboulevards in Großstädten erinnern. Diese hier vergolden leider nur das Leben des korrupten Provinzpolitikers oder -beamten, als dass sie einen Nutzen für die Wähler schaffen. Wo Protz draufsteht ist in Argentinien auf jeden Fall auch Protz drin. Zweihundert Kilometer Straßenlaternen auf einer Autobahn in der kerzengeraden Pampa zwischen Mendoza und San Luis sind ebenso wenig ein Traum, wie die teuren Fußgängerbrücken über einsame Straßen, die von den Bewohnern schlichtweg ignoriert werden. Kilometerlange verdörrte Straßenbepflanzungen rechtfertigen nicht die durch Steuern bezahlten Investitionsgräber, aber die Existenz des verwandten Gärtners, der sich nun mal nicht durch einem grünen Daumen auszeichnet oder geschweige denn sich mit der Wahl der richtigen Vegetation auskennt. Im nächsten Jahr gibt es für ihn eine neue bezahlte Chance. Argentinisch korrupte Unsinnigkeiten an jeder Ecke. Leider können sich die vielen mittellosen Argentinier nicht aus den zweckfreien Verkehrsschildern eine Suppe kochen oder sich den massigen Beton aufs Brot schmieren. Daran können sie sich nur hilflos und resigniert die Zähne ausbeißen.

6
1  
10 11
13 12 3   7