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"Das mächtige patagonischen Inlandeis"

Der Anreiseweg zum Nationalpark "Los Glaciares" ist so austauschbar wie seine Eismassen einzigartig sind. Der für die internationalen Touristen hübsch gemachte Ort "El Calafate" ist durch seine Aneinanderreihung von Restaurants, Kneipen, Souvenirläden, Banken auf den ersten Blick ansprechend, weil es gewohntes Terrain ist. Auf den zweiten Blick einfältig und austauschbar. Nur die provisorisch mit Pappe oder Folien geflickten Scheiben der Leihautos verraten auf Anhieb die hohe Frequenz der Einbrüche, trüben die Unbeschwertheit und kratzen am Image des Touristen-Epizentrums. Wenn es denn einer der hektischen Touristen überhaupt bemerkt. Die Ärmlichkeit in den Seitenstraßen zeigt schnell, dass die Einnahmen durch den Tourismus nicht an allen Bewohnern haften bleiben. Beschämend stehen wir wieder einmal mit unserem Camper neben ihren zusammen gedroschenen Hütten, die kleiner als unser Wohnmobil sind und wo deren gesamte Familie drin lebt.
Lange Warteschlangen vor den Geldautomaten und eine offensichtliche Unfreundlichkeit lassen uns schnell durch den wunderschön gelegenen Ort fahren. Vielleicht ist aber auch einfach unser Zeitpunkt für den Freundlichkeitsgrad ungünstig gelegt. Denn nach dem Ferienansturm und dem Ausklingen der Hochsaison liegen wohl ein paar Nerven und vor allem die Geduld blank. Aber wir sind ja auch nicht um die halbe Welt gereist, um uns wieder in die Heimat versetzt zu fühlen, sondern wollen neue Dinge erleben. Also, raus aus der austauschbaren Stadt.
Das Hauptziel in dem Nationalpark und die devisenstärkste Einnahmequelle ist der Gletscher "Perito Moreno". Nachdem wir belehrt worden sind, dass es in diesem Teil keine Wandermöglichkeiten gibt, wir über die neuen kilometerlangen Metall-Gehwege gegangen sind und das Werbeprospekt sehr US-amerikanisch "gelayoutet" ist, wird unsere Skepsis von keinem Menschen weg gewischt, sondern vom Anblick des Gletschers selbst. Die 60m hohe Gletscherzunge steht wie eine Mauer vor uns und wir wie hinter dem Orchestergraben davor. Es gibt viele wunderschöne Gletscher, aber dieser hat die Besonderheit, dass es eine natürliche Bühne nur durch wenige Meter Wasser getrennt gibt, die eine einzigartige Sicht auf das Eis zu lässt. Wir sehen nicht nur, sondern lauschen dem Eis bei windstillem Wetter. Donnerhall wie beim Gewitter löst sich vom Pistenfeuer ab oder werden zum einfachen Knarren und Knacken. Ein 50m hoher Eiszacken bricht unter Lärm vor unseren Augen ab, versinkt im Wasser, um dann wie ein Korken nach oben zu schießen und Wellen ans Ufer zu schlagen. Stundenlang sitzen wir gebannt vor dem Gletscher wie im Kino. Allerdings gibt es Käsebrote statt Popcorn. Immer passiert etwas oder gibt es neu zu entdecken. Nachts hören wir im Camper liegend das Knacken des Eises. Am Morgen während des Sonnenaufgangs ändert das Eis in Minutentakt seine Erscheinung und seine Faszination. Das angestrahlte Eismasse sieht kurzzeitig wie der von Christo verhüllte Reichstag aus. "Schöne Grüße aus der Heimat" scheint er uns zuzurufen, oder geht unsere Fantasie mal wieder mit uns durch? Als die ersten Besucher auf die metallischen Gehwege rennen, um lauter zu sein als das Eisknacken, verlassen wir glücklich unseren Eisfluß. Wie so viele Male auf unserer Reise hatten wir das "VIP-Paket" mit unserem Camper: allein, exklusiv und mit keinem Geld zu bezahlen.
Unser Glücksmoment geht weiter, als wir im Sonnenschein bereits aus 200 Kilometer Entfernung das "Fitz-Roy-Massiv" inklusive des Granitgiganten "Cerro Torre" sehen. Bevor das patagonische Wetter zuschlagen kann, drücken wir von weitem viel zu viele Male auf den Auslöser und warten danach auf die obligatorischen Wolken, den Wind, den Regen oder vielleicht auch den Schnee. Eine Woche sollen wir ungläubig warten!
Der schnell wachsende Ort El Chaltén ist trotz seines Baubooms charmant, übersichtlich und still. Das erklärte Ziel der meisten Besucher ist hier auch nicht das Flanieren in Einkaufsstraßen, sondern das Genießen der Natur. Der Schwierigkeitsgrad des Anpirschens an den "Fitz Roy" oder dem "Cerro Torre" ist durch den Menschen kaum Grenzen gesetzt. Allein die Natur zeigt diese unerbittlich auf.
Auf unseren Wanderwegen durch den Park treffen wir so viele bekannte Gesichter von anderen Wandergebieten in Argentinien und Chile, dass uns die Welt wieder einmal winzig vorkommt. Jeder trägt ein fettes Lächeln auf seinem Gesicht und muss den Grund ganz bestimmt nicht erklären. Die Blicke auf die wunderschöne Natur, auf die schneegepanzerten Granitfelsen, türkisblauen Gletscherseen und seit Wochen gutes Wetter sind einfach Garanten fürs Glücklichsein. Und das scheinen auch die Ranger und die Macher der Ausstellung in der Rangerstation zu sein. Mit einfachen Mitteln, aber kreativ, liebevoll und mit sorgsamer Handarbeit wurde hier eine Ausstellung gezaubert, die bleibende Eindrücke bei uns hinterlässt. Seltsam, dass es immer noch der gleiche Nationalpark wie am Perito Moreno ist, sich aber ganz anders anfühlt. Menschen und ihr Engagement machen eben doch wie immer den großen Unterschied aus.
Sechs Monate liegt El Chaltén im Winterschlaf. Jetzt im März haben wir das Gefühl, dass die Argentinier nicht wie in El Calafate genervt und müde zum Touristenansturm sind, sondern froh über das verdiente Geld. Der Endspurt zur langen Pause ist eingeläutet und beflügelt auf den Schlussspurt. Manch einer freut sich bestimmt auch aus seinem Wohnwagen auszuziehen. In keinem anderen Ort in Südamerika stehen so viele geparkte Wohnwagen in den Gärten wie hier. Uralte Mercedes-Busse mit Rundschnauze beherbergen ebenso Bewohner wie kleine kugelige Wohnwagen, die mit zusätzlichen Seilen in alle vier Windrichtungen gesichert sind.
Nach einer Woche Dauersonnenschein, fast Windstille (patagonischer Maßstab) und vielen netten Menschen verlassen wir diese besonderen Berge. Am Horizont stehen sie vom Schnee bis weit ins Tal weiß gepudert und von grauen Wolken verhüllt. Die Buchen auf unseren Wanderwegen hatten bereits die herbstliche Stimmung durch ihre rot-braune Färbung eingeläutet und heute spüren wir den Jahreszeitenwechsel wieder. Die frische Luft riecht nach Herbst oder ist es nur der Abschied, der uns ein bisschen wehmütig stimmt? Denn wie in vielen Orten wird auch hier in den nächsten Jahren ein anderer patagonischer Wind wehen. Und wieder bleibt die Frage in unseren Köpfen, ob man diese wunderschönen Eindrücke und Erlebnisse mit einem weiteren Besuch in der Zukunft übertreffen, konservieren oder neu gestalten kann. Irgendwann sind alte Schuhe einfach ausgelatscht und die neuen Schuhe hinterlassen andere Abdrücke. Vielleicht die passenden, vielleicht aber auch nicht.

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