"Das andere Patagonien auf der Suche nach dem schwarzen Gold"
Patagonien. Dieses Wort steht nicht nur für eine geographische Beschreibung, sondern wie auch die Zauberwörter "Alaska oder Himalaja" für eine unbekannte Sehnsucht nach Ursprünglichkeit fernab der Zivilisation. Egal, ob sie dort zu finden ist oder nicht. Naturliebhaber, ach ja sie nennen sich seid neuestem "Outdoor-Freaks", bekommen in ihren sündhaft teuren Funktionsklamotten bei diesen zehn Buchstaben leuchtende Augen. Auch wenn der gebuchte Touranbieter zeitlich nur kurze Aufenthalte in der Natur in den straff organisierten Adventure-Abenteuer-Urlaub zulässt, sind die Urlauber (äh Traveller) für alle Wetterkapriolen in diesem rauen Landstrich gewappnet. Die neue Sportausrüstung kostet ein kleines Vermögen und kommt bei den meisten praktisch nie zum Einsatz. Aber emotional gehört die richtige Ausstattung zum Patagonientraum ebenso dazu, wie der zu spürende Wind, die zu sehenden Pinguine oder die zu bestaundenden Gletscher. Der Breitensport-Marathon wird ja auch nicht ohne isotonische Gels, lebensnotwendigem Herzfrequenzmesser, modischem Outfit und Wochenend-Vorbereitungsseminar gewonnen, abgehakt, gemacht, erledigt oder einfach nur gelaufen.
Aber das Wort Patagonien entzaubert sich schnell; spätestens nach nach dem Grenzübergang in "Los Antiguos" in Richtung argentinischer Atlantikküste. Nach der vegetationsgeladenen Natur entlang der Carretera Austral verschwindet diese und wir befinden uns mitten in der argentinischen Pampa. Dieses scheinbar nutzlose Land teilen sich die Großgrundbesitzer untereinander auf. Die endlos erscheinenden Zäune entlang der Straße reihen sich aneinander und nur die Schilder der "Estancias" zeigen deren Grenzen auf. Ins Deutsche übersetzt würden sie landwirtschaftliche Großbetriebe heißen oder eben politisch eingefärbt "Großgrundbesitzer". Mag man sich in dieser rauen Landschaft noch windzerzauste Schafe, wilde Pferde und Rinder vorstellen, die von raubeinigen péones (der frühere Mythos der Gauchos) gehütet werden, so zerplatzt die Vorstellung Kilometer um Kilometer je näher wir uns dem Ort "Las Heras" nähern. Die lebenden Pferdeköpfe werden durch metallische ausgetauscht. Keine wehenden Mähnen inmitten der unbegrenzten Freiheit, sondern rhythmisch senkende und hebende Ölpumpen mit dem kommerziellen Ziel der Ölförderung tauchen auf. Und abrupt stirbt mit ihnen auch die beruhigende Weite der Pampa, dessen Vegetationsarmut die Gedanken auf die Reise schickt und die überreizten Sinne zur Ruhe kommen lässt. Die Landschaft ist bis zum Ende des Horizonts von Strommasten durchschnitten. Denn bevor das schwarze Gold aus dem Boden sprudelt, muss erst Energie in diese Öde geschafft werden. Jede Ölpumpe verbindet sich mit ihrer eigenen Nabelschnur der Stromversorgung. Kreuz und quer. In alle Richtungen und zu tausenden.
Die Quelle des Geldes ist in dieser Region offensichtlich. Und so rasen PS-starke Firmenpickups an uns vorbei. Auf ihren Ladeflächen liegen die obligatorischen Feuerlöscher, Ersatzreifen und viel Arbeitsmaterial, wie Generatoren und Ersatzteile. Auf der Heckklappe stehen nach US-amerikanischen Muster Aufforderungen an den Hintermann wie "Wie fahre ich? Rufen sie diese Telefonnummer an". Die Bespitzelung der fahrenden Mitarbeiter ist allerdings eine rein theoretische Idee, von Büropubsern ausgehekt. Denn das Auto ist in Sekundenschnelle wieder am Horizont verschwunden und mit ihm die zu verpetzende Autonummer. Nur gut, dass diese Straße geteert ist und wir nicht zum Staub schluckenden Rücklichtseher werden.
Eine traurige Stimmung liegt über diesem Land. Die vielen Arbeitsplätze lassen so trostlose Orte wie "Las Heras" oder "Caleta Olivia" entstehen. Der Müll begrüßt als erstes seine wenigen Besucher, die dieses Patagonien doch eigentlich gar nicht sehen wollen. Plastiktüten fliegen lautlos durch die Luft und bleiben an den wenigen Büschen oder an den unzähligen Stacheldrahtzäunen hängen. Die Grünanlagen sind von reumütigen Ölfirmen und Stadtverwaltungen gesponsert und nach der Fertigstellung und wahrscheinlich pompösen Eröffnungsfeier sofort wieder vergessen worden. Nur die überdimensionalen Denkmäler widerstehen der nagenden und gefräßigen Zeit. Sie trotzen selbst dann noch dem patagonischen Wetter, wenn schon die meisten der verantwortlichen Politiker oder Firmenmanager verschwunden sind.
Wer es beruflich und finanziell zu etwas gebracht hat, zeigt seinen gesellschaftlichen Status auf US-amerikanische Weise. Überdimensionale Ami-Pickups mit großen Musikanlagen und für die Ausflugsfahrt nach Feierabend mit dem Liebsten heraus geputzte Frauen. Nur gut, dass der "3-Wetter-Taft" im stürmischen Wind hält, die Straßen geteert sind und damit das zentimeterdicke Make-up nicht so schnell runter geschüttelt wird. In Argentinien ist das Rollenverständnis trotz des immer wehenden Windes noch nicht zerrüttet oder auf den emanzipierten Kopf gestellt. Männer sind schlichtweg Abbilder realer Machos und deren Frauen die dazu passenden Prinzessinnen. Das Ölgeschäft ist eben doch echte Männerarbeit. Gauchos waren gestern.