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"Fünf Minuten später macht unser Herz beim Anblick der schwimmenden Orkas einen Riesensatz"

Ein Cocktail aus Glückshormone schießt durch unsere Adern und uns erfasst eine aufgeregte Stille. Greifbare 50 Meter von uns entfernt schwimmt eine Orkafamilie parallel zu unserem Strandabschnitt. Die riesigen Rückenfinnen strecken sich dem grenzenlosen Himmel stolz entgegen. Ein Riese scheint die Seelöwenkolonie direkt vor uns angreifen zu wollen, schwimmt einen Kreis, aber dreht im letzen Moment wieder ab. Bei Ebbe konnten wir die freiliegenden Naturrinnen und -kanäle vorm Strand sehen und damit ist für uns klar, wo die Tiere angreifen werden. Den wenigen Profifotografen allerdings auch, die ihre exklusiven und teuren Plätze (bis zu 400 Euro pro Tag, faktisch ausverkauft) in unmittelbarer Entfernung bereits eingenommen haben. National Geographic in der ersten Reihe und somit auch das dokumentierende Augen für den Rest der Welt. Eine Touristin mokiert sich, warum die Abgrenzung so weit entfernt von dem Angriffspunkt angelegt ist. Genau deshalb! Ansonsten hätte das kommerzielle "american way of life" in Form von Walt Disney oder Sea Life schon längst gnadenlos zugeschlagen. Die Metalltribünen wären über Jahre ausverkauft. Globale Coca Cola, genmanipuliertes Popcorn und käseertränkte Nachos würden in Massen in die Touristenmägen wandern. Die Großbildleinwand würde das verschreckte Orkaauge in Nahaufnahme zeigen, Kinder vor der Macht des "Killerwals" schreien lassen und Hilfsorganisationen mit Transparenten "Rettet die Seelöwen" Mahnwache schieben. Wir schütteln die Vermarktungshorrorvisionen aus unseren Köpfen und sehen uns in einer für die Tiere sicheren Entfernung von einigen hundert Metern die wunderschönen Orkas an. Schnell und arallel schwimmen sie den Strand an, um dann ihren massigen Körper auf diesen zu schieben. Ein Orka schießt einen Seelöwen mit der Schwanzflosse in die Luft, ein weiteren verlängert die Vorlage und der gejagte Seelöwe fliegt ins Meer, wo er vom Rest der Familie gefressen wird. Rudi Völler und Jürgen Klinsmann in ihren besten Zeit hätten kein perfekteres Zuspiel zustand bringen können. Die Artgenossen des getöteten Seelöwen hält die Langsamkeit der Evolution in regloser Stellung am Strand fest. Die Seelöwen scheinen diese Art des Jagens noch nicht in ihr genetisches Lernmuster eingefügt zu haben, denn sie schauen dem Treiben hilflos zu, ohne die Flucht auf den sicheren Strand anzutreten. Das gleiche Verhalten wie Mitte des letzten Jahrhunderts auf dieser Halbinsel, als die Menschen mehrere Hunderttausend Robbenjungen mit Keulen abschlachteten.
Unzählige Male schwimmen Orkas auf den Strand, verteilen tonnenschwere Hiebe auf den ruhigen Atlantik und schieben sich seitwärts zurück ins Meer. Die kerzengeraden Rückenfinnen schneiden durchs Wasser, umkreisen nicht nur Seelöwen, sondern auch Fischschwärme, um diese dann mit kräftigen Schlägen zu betäuben oder zu töten. Die Energie will nicht aus den wunderschönen Tieren schwinden und so schießen sie senkrecht aus dem Wasser, werfen sich mit ihren schwarzen Rücken auf die Wasseroberflächen, zeigen uns ihre weißen Bäuche und lassen nur das aufgespritzte Wasser zurück. Die vierstündige Jagd fühlt sich mit dem Blick durchs Fernglas und Kamera wie Tage an. Und die Eindrücke die wir uns noch Tage danach gegenseitig erzählen werden für uns ewig bestehen bleiben. Aber nicht die blutrüstige Jagd ist es, welche uns in Erinnerung bleibt, sondern die Stille und Anmut dieser wunderschönen Riesen in freier Natur. Mit dem salzigen Wind auf unseren Gesichtern, der Sonnenspiegelung auf dem Atlantik und einer Priese stinkender Seelöwen in den Nasen.
Die Natur und die darin lebenden Tiere funktionieren nach keinem fixen Terminkalender oder nach unseren Plänen. Vor vielen Jahren haben wir eine Rangerin in Australien hektisch und ruhelos gefragt, wann wir an der Küste Wale sehen könnten. Vom getakteten Berufsleben und hektischen Alltag fanden wir die Frage nicht einmal unpassend oder komisch. Schließlich mussten doch während eines 4-wöchigen Jahresurlaubs auch die Hauptattraktionen "abgehakt" werden. Ihre Antwort lautete: "Trinkt ein kaltes Bier, schaut auf das Meer und genießt den Tag. Manchmal kommt ein Wal vorbei, manchmal eben nicht". Das Bier schmeckte damals schon gut, auch ohne Wal. Der schwamm unangekündigt und verspätet am nächsten Tag zum Frühstück vorbei. Wie auch die Wale in Alaska während unserer Inlandpassage, beim Strandspaziergang auf Vancouver Island oder bei unserer Schiffsfahrt nach Puerto Williams. Wie alles im Leben: Ohne Ruhe, Zeit und Bewusstsein oder weil wir den starren Fokus auf "Wichtigeres" eingestellt hatten, zogen auch schon viele schöne Dinge ungesehen an uns vorbei...wie menschlich dämlich!

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